

Foto: Detail aus der Gedenkstätte des KZ Dachau, Rechte beim Verein Selige Märtyrer von Dachau e.V.
Ate Bruinsma – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Ate Bruinsma.
Das Ziel: So viele Juden wie möglich retten
Als im Sommer 1942 in den Niederlanden umfangreiche Deportationen von Juden begannen, gingen Govert de Haas und seine Frau Ilse de Haas-Vyth am 14. Juli in den Untergrund. Sie versteckten sich an verschiedenen Adressen in den Provinzen Groningen und Friesland im Norden des Landes. Am 17. April 1943 eskortierte ein Mitglied der Widerstandsbewegung Ilse von Groningen zum Haus von Ate und Jansje Bruinsma in der friesischen Stadt Drachten. Zwei Wochen später wurde Govert auf einem Motorrad ebenfalls zum Haus gebracht, in dem Ate und Jansje mit ihren drei Kindern und Ates Vater Sikke lebten. Die beiden Flüchtlinge blieben bis zum August 1943 dort. Ate, ein Schmied, der landwirtschaftliche Geräte herstellte, war ein engagierter Widerstandskämpfer und versuchte, so viele Juden wie möglich zu retten. Er riskierte auch eine Reise nach Amsterdam, um Ilses Eltern und Schwester in Sicherheit zu bringen. Bei seiner Ankunft in der Hauptstadt musste er jedoch feststellen, dass sie bereits deportiert worden waren.
Denunziation und Verhaftung
Ate kehrte stattdessen mit einer anderen Jüdin, Ada Muzikant nach Hause zurück und versteckte sie ebenfalls bis zum August bei ihm. Dann mussten die Untergetauchten umziehen, da die Lage im Bruinsmaschen Haus zu gefährlich geworden war. Ihre Gastgeber ließen sie jedoch nicht gehen, bis ein anderes Versteck gefunden war. Solange blieben sie noch in ihrer Unterkunft auf dem Dachboden. Für Notfälle gab es außerdem einen speziellen Schutzraum unter dem Haus. Als die akute Gefahr vorbei war, boten die Bruinsmas auch anderen jüdischen Flüchtlingen Schutz. So lange er konnte, half Ate außerdem Menschen bei der Flucht aus dem Durchgangslager Westerbork, aus dem sie sonst in die Vernichtungslager deportiert worden wären. Im Dezember 1943 wurde er jedoch bei einer weiteren Bahnfahrt nach Amsterdam, wo er einen Kontaktmann treffen wollte, durch einen Denunzianten verraten und verhaftet. Bei der späteren Durchsuchung seines Hauses in Drachten entdeckten die Behörden gefälschte Lebensmittelmarken.
Nur der Vater überlebte
Auch Ates Vater Sikke wurde deswegen verhaftet, ins Konzentrationslager Herzogenbusch und von dort aus ins KZ Buchenwald deportiert. Nach der Befreiung des Lagers durch die US-Armee im April 1945 kehrte er in die Niederlande zurück. Durch die Zeit im Lager litt er an schwerer Tuberkulose. Sikke Bruinsma starb am 30. Januar 1963 im Alter von 84 Jahren. Ates Weg führte ebenfalls zunächst nach Herzogenbusch. Von dort aus kam er am 26. Mai 1944 ins KZ Dachau, wurde unter der Häftlingsnummer 69144 registriert und bereits am 19. Juni ins KZ Natzweiler im Elsass überstellt. Am 23. September kehrte er wieder nach Dachau zurück. Ein halbes Jahr überlebte Ate Bruinsma noch die systematische Schwächung seines Gesundheitszustandes unter anderem durch menschenwürdige hygienische Zustände und bewusst niedrige Hungerrationen. Am 22. März 1945, fünfeinhalb Wochen vor der Befreiung des Lagers durch die amerikanische Armee, starb Ate Bruinsma im KZ Dachau.
Am 13. November 1984 erkannte Yad Vashem ihn selbst, seine Frau Jansje Bruinsma-Stoker und seinen Vater Sikke Bruinsma als Gerechte unter den Völkern an.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4038972
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/ate-bruinsma
https://www.openarchieven.nl/ghn:602f34e8-a136-11e8-828a-00505693001d/de
https://oorlogsgravenstichting.nl/personen/22290/ate-bruinsma
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Foto: Oberrabbiner Abraham Prins im Jahr 1949. Foto: Public Domain
Die Schwestern Groothand, Gerechte unter den Völkern aus Außenlagern des KZ Dachau, von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6137 aus den Niederlanden. Maria und Johanna Groothand sowie Hendrika Schoonderbeek sind drei von ihnen.
Hilfe für eine bedrohte jüdische Familie
Rund 140.000 Niederländer wurden von den Nationalsozialisten als „Volljuden“ bezeichnet. Etwa 101.800 von ihnen, fast drei Viertel, kamen durch Ermordung, Krankheiten und Erschöpfung in der Zeit der Besatzung durch deutsche Truppen ums Leben. Die meisten von ihnen wurden in die Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert und in den dortigen Gaskammern ermordet. Diese massenhaften Deportationen begannen im Sommer 1942. Ab dem 14. Juli wurden die Juden systematisch über das Durchgangslager Westerbork nach Osten gebracht, vorgeblich für den Arbeitseinsatz in Lagern innerhalb Deutschlands. Drei Schwestern, die 1942 zwischen 46 und 51 Jahre alt waren, hatten in Rotterdam vor dem Beginn der Deportationen bereits nach Pflegefamilien für jüdische Kinder gesucht: Maria Groothand, die auch Lep genannt wurde, Johanna (Bob) Groothand und die verheiratete Hendrika Schoonderbeek. Eine Freundin der drei, Cornelia Los, machte dabei ebenfalls mit. Rabbi Abraham Prins, seine Frau Celia, die fünf Kinder des Ehepaars, seine beiden Schwestern Frederika und Sara sowie die Eltern von Celia Prins, Kalman und Hanna Drucker, sahen sich wegen der Deportationen gezwungen, unterzutauchen. Deshalb mietete eine der Groothand-Schwestern eine Wohnung auf ihren Namen und stellte sie der Familie Prins zur Verfügung. Eine andere Frau richtete die Wohnung ein, und eine dritte begleitete die Familie, als Warenladung in einem Pferdewagen versteckt, zu der Adresse.
Versteck organisiert
Wieder eine andere Frau besorgte gefälschte Ausweispapiere und Lebensmittelkarten für die Untergetauchten. Außerdem brachte eine der Frauen die zweijährige Tochter der Familie Prins zu einer protestantischen Familie, die sich bis Kriegsende liebevoll um sie kümmerte. Während der zwei Jahre, die die Familie Prins im Versteck lebte, besuchten die drei Groothand-Schwestern und Cornelia Los sie regelmäßig, sprachen ihnen Mut zu und versorgten sie mit Essen und Kleidung. In der Zwischenzeit retteten sie außerdem Dutzende jüdischer Kinder, deren Eltern deportiert wurden. Die Frauen brachten die Jungen und Mädchen sicher bei Pflegefamilien unter und versorgten sowohl die Kinder als auch die Pflegeeltern mit Essen, Kleidung und, wenn nötig, medizinischer Hilfe. Die drei Schwestern und Cornelia Los handelten aus humanitären Gründen und lehnten es sowohl während als Krieges als auch nachher ab, Geld anzunehmen.
Von einem Kolloborateur denunziert
Am 22. Juni 1944 wurden die der Groothand-Schwestern sowie und Gerrit Schoonderbeek, Hendrikas Ehemann, bei einer Razzia verhaftet. Ein niederländischer Kollaborateur hatte sie bei der Gestapo denunziert. Auch die Juden, die zu diesem Zeitpunkt im selben Haus in der Nähe des Hafens versteckt waren, wurden festgenommen und in das niederländische Durchgangslager Westerbork gebracht. Die meisten Gefangenen kamen von dort nach Auschwitz und Sobibor und wurden ermordet. Was aus den ehemaligen Schützlingen der Groothand-Schwestern wurde, ist jedoch ungewiss. Die anderswo in der Stadt untergebrachte Familie des Rabbiners überstand die Zeit bis zum Ende des NS-Regimes unbehelligt, wen man das Leben im Untergrund so bezeichnen kann.
Über Ravensbrück nach Dachau
Die drei Groothand-Schwestern wurden ins Konzentrationslager Ravensbrück abtransportiert. Es war das größte Konzentrationslager für Frauen im sogenannten deutschen Altreich, war 1938/1939 100 Kilometer nördlich von Berlin errichtet worden und 1944 völlig überfüllt, weil Frauen aus geräumten Lagern im Osten nun dort untergebracht wurden. Die Häftlinge mussten unter anderem in der Rüstungsindustrie arbeiten. Vom KZ Ravensbrück kamen die Schwestern am 13. November 1944 ins KZ Dachau. Hendrika Schoonderbeek wurde im Dachauer Außenlager Oberschleißheim befreit. Die maximal 100 Häftlingen mussten dort die Gebäude der SS-Berufsschule unterhalten oder waren auf einem von der SS übernommenen Bauernhof eingesetzt. Maria Groothand wurde im Agfa-Außenkommando in München befreit, wo mehrere hundert Frauen in der Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Johanna Groothand überlebte die Lagerhaft nicht. Gerrit Schoonderbeek starb im Konzentrationslager Bergen-Belsen, kurz bevor es von britischen Truppen bereit wurde. Nach dem Krieg betrachtete sich Cornelia Los als „Großmutter“ der geretteten jüdischen Kinder. Cornelias Gesundheit hatte während des Krieges stark gelitten, und sie erhielt eine Sonderrente von der niederländischen Regierung. Am 30. Januar 1972 wurden Maria Groothand, Johanna Groothand, Hendrika Schoonderbeek und Cornelia Los von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt.
Der 1912 in Amsterdam geborene Abraham Prins, bis zum Einmarsch der Deutschen Rabbiner der Lekstraatsynagoge, wurde 1949 zum Oberrabbiner des Synagogenbezirks Groningen und ein Jahr später zum Oberrabbiner von Overijssel ernannt. Im August 1952 wanderte er mit Frau und Kindern nach Israel aus. Er wurde Direktor der Mizrachitischen Schule für orthodox-zionistische Bildung in Rehovot im Zentrum des Landes und starb dort im Alter von 70 Jahren am 24. Mai 1982.
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/groothand?page=1
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/cornelia%20los?page=1
https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlager_München_(Agfa_Kamerawerke)
https://stevemorse.org/dachau/details.php?lastname=GROOTHAND&firstname=Maria&title=&birthday=21&birthmonth=Sep&birthyear=1906&birthplace=Amsterdam&from=&town=Amsterdam&street=&number=123198&DateOfArrival=zug.%2013%20Nov%201944%20Ra.&disposition=befr.%20Kam-Mü&comments=&category=Sch.Holl.&ID=15399&page=1913/Su&disc=2&image=88
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/maria-henriette-groothand
https://www.oorlogsbronnen.nl/tijdlijn/ce5895a3-38a8-4044-8fa2-639a00c00e0c
https://de.wikipedia.org/wiki/Durchgangslager_Westerbork
https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Ravensbrück
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
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