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Das so genannte Oranjehotel in Scheveningen, das erste Gefängnis, in dem Elisabeth Hermsen inhaftiert war. Foto: Public Domain
Im Agfa-Kommando, einem Außenlager des KZ Dachau, mussten Frauen Zünder für Flakgranaten und Teile von V-Waffen herstellen. Foto: Public Domain.
In diesem Gebäude in der Münchner Weißenseestraße wohnten die Frauen des Agfa-Kommandos“. Foto: Public Domain.
Elisabeth Hermsen in jungen Jahren. Foto: Yad Vashem
Zwei Glückwunschkarten zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag in KZ-Haft. Foto: Yad Vashem
Glückwunschkarte zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag von Hubert Kraemer. Foto: Yad Vashem
Glückwunschkarte zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag von einer nicht identifizierten Mitgefangenen. Foto: Yad Vashem
Elisabeth Jacoba Hermsen, Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Eine von ihnen ist Elisabeth Jacoba Hermsen.
Der Weg in den Untergrund
„Liesbeth“ Hermsen wurde am 16. April 1895, einen Tag nach Ostermontag, in der Kleinstadt Muiden bei Amsterdam geboren. Sie war das jüngste von zehn Kindern ihrer Eltern. Ihre Mutter starb, als das Mädchen fünf Jahre alt war. Der Vater heiratete erneut und hatte mit seiner zweiten Frau noch einen Sohn. Liesbeth kam zunächst in ein Kinderheim und später zu einer Familie im nahegelegenen Hilversum. Mit 18 Jahren zog sie nach Den Haag, absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und eröffnete ein Altenheim im nicht weit entfernten Duinoord an der Küste. Während des Zweiten Weltkriegs war sie Mitglied der Scheveninger Abteilung der LO (Landelijk Organisatie voor Hulp aan Onderduikers, Landesweite Organisation für Hilfe für Untergetauchte). Sie war nicht nur Kurierin, sondern nahm auch Menschen, die sich vor den deutschen Besatzern verstecken mussten, in ihrem Haus auf. Anfang 1943 lebten in ihrem Altenheim beispielsweise heimlich sechs Juden und die nichtjüdische Patientin Rie Polak-Mair.
Über Ravensbrück nach Dachau
Am 16. Februar 1944 wurde in Amsterdam ein Jude festgenommen, der davon wusste. Bei seiner Vernehmung gab er auch Unterbringungsadressen preis. Zwei Tage später wurden mehrere Menschen verhaftet, und am 24. Februar folgte eine Razzia der niederländischen Polizei in Liesbeth Hermsens Altenheim. Sie selbst, Rie Polak-Mair und die sechs Jüdinnen wurden verhaftet und in das „Oranjehotel“ in Scheveningen gebracht. Der Name bezog sich auf das Haus Oranien-Nassau, das niederländische Königshaus. Da das Tragen von Symbolen oder das Zeigen der Nationalfarben unter der Besatzung verboten war, wurde „Oranje“ zum Synonym für den Widerstand und die Loyalität zur Königin im Exil. Die verhafteten Jüdinnen kamen über das niederländische Lager Westerbork nach Auschwitz und wurden dort in der Gaskammer ermordet. Liesbeth Hermsen und Rie Polak-Mair mussten zunächst im Konzentrationslager Herzogenbusch Zwangsarbeit für die Philips-Werke leisten und kamen im September 1944 ins Frauen-KZ Ravensbrück. Einen Monat später wurden sie mit 250 meist anderen Niederländerinnen ins so genannte Agfakommando, einem Außenkommando des Konzentrationslagers Dachau in München-Giesing, abtransportiert. Ausschließlich Frauen mussten dort im Auftrag der AGFA-Werke Zeitzünder für Flugabwehrgranaten zusammensetzen und Teile für die „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 herstellen. Sie waren im einem noch nicht fertiggestellten neuen Wohnblock in der Weißenseestraße 7–15 in Giesing untergebracht, der aber bereits bei einem Bombenangriff beschädigt worden war. Ein Stacheldrahtzaun und Wachtürme umgaben das Gebäude. Der Fußweg zum Agfa-Werk dauerte etwa 20 Minuten.
Kameradschaft im Agfa-Kommando
Die Neuankömmlinge aus Ravensbrück lösten die gleiche Zahl von überwiegend polnischen Frauen ab, die dorthin zurückgeschickt wurden. An den Fließbändern in Giesing arbeiteten auch deutsche Zivilistinnen. Die Niederländerinnen hatten einen starken Zusammenhalt, bastelten in ihrer knappen Freizeit gemeinsam, schrieben Gedichte und veranstalteten Gottesdienste. Das Wachpersonal in der Fabrik klagte oft über Sabotage bei der Produktion von Bauteilen und an Maschinen. Noch vor der Jahreswende brach im Agfa-Kommando Tuberkulose aus. Deshalb richtete die SS im Stammlager Dachau ein kleines Frauenkrankenhaus ein. Im Februar 1945 kam Liesbeth Hermsen als dessen Leiterin[1] dorthin, obwohl sie selbst krank war. Zwei Monate später, am 26. April, wurde das Agfa-Kommando geräumt und die meisten Häftlinge zu Fuß evakuiert. Am 28. April 1945 wurden sie in Wolfratshausen ostwärts des Starnberger Sees von den Amerikanern befreit. Etwa zehn kranke Niederländerinnen blieben im Stammlager Dachau zurück. Liesbeth Hermsen und ihre Kameradin Jo Goos versorgten sie, bis amerikanische Truppen am 29. April auch das KZ Dachau erreichten und befreiten. Da Hermsen immer noch an Flecktyphus[2] litt, konnte sie nicht sofort in ihre Heimat zurückkehren, sondern blieb bis zum 27. Mai 1945 in Dachau. Auch nach ihrer Rückkehr in die Niederlande musste sie noch monatelang in einem Krankenhaus gepflegt werden.
50. Geburtstag im KZ
Die beispielhafte Solidarität der Niederländerinnen, die meist zu sechst in einem Zimmer des Wohnblocks untergebracht waren, wird aus erhalten gebliebenen Souvenirs deutlich, die sie anfertigten. Eine Bastelarbeit lässt die religiöse Basis, die manchen Kraft gab, ihr Los auszuhalten, erkennen: „Was auch immer die Zukunft bringen mag, die Hand des Herrn wird mich leiten“. Und zum Jahreswechsel 1944/45 schrieb eine Gefangene auf ein anderes Werkstück: „ Alles Gute, aber vor allem eine schnelle Heimkehr und ein Wiedersehen mit meinen Lieben“. Erhalten ist auch ein Geschenk an eine gewisse Anna Els mit der Inschrift „In Erinnerung an jene Zeit, als du in München unsere Blockälteste warst und ja, du hast oft über uns gemeckert, aber du wolltest uns nie schaden“. Anna Els wurde am 1. April 1899 (wahrscheinlich in Düsseldorf) geboren, kam im September 1944 als politische Gefangene mit den niederländischen Frauen ins Agfa-Kommando und wurde von der SS als Blockälteste eingesetzt, die für die Ordnung und Organisation innerhalb der Baracken zuständig war. Während Kapos und oft für ihre Grausamkeit gegenüber Mitgefangenen berüchtigt waren, nutzte Liesbeth ihre Position, um die inhaftierten Frauen zu schützen. Anna Els unterstützte sie bei Sabotageakten und half dabei, den internen Zusammenhalt zu wahren. Nach dem Krieg war sie eine wichtige Zeugin für die Zustände im Lager.
Ein außergewöhnliches Zeugnis der Menschlichkeit unter extremen Bedingungen sind in den Akten von Yad Vashem zwei ebenfalls erhaltene Glückwunschkarten zu Elisabeth Hermsens 50. Geburtstag, 13 Tage vor der Befreiung des Lagers. Zu diesem Zeitpunkt starben in Dachau täglich hunderte Menschen an Typhus und Entkräftung. Dass ein Häftling die Mühe und Gefahr auf sich nahm, Papier zu stehlen, um der Krankenschwester zum Geburtstag zu gratulieren, unterstreicht die enge Solidarität innerhalb des internationalen Lagerwiderstandes kurz vor dem Zusammenbruch des NS-Regimes. Die Karte zeigt einen liebevoll gezeichneten Blumenstrauß und auf einem Schriftband die Inschrift „Warteliste gelukgewenst door Hubert Kraemer“ („Herzlichen Glückwunsch von Hubert Kraemer“). Darunter stehen die Worte „16. April 1945 Dachau Frauenrevier“.
Es gab einen Funktionshäftling dieses Namens (oft auch Krämer geschrieben), Hubert Kraemer mit der Häftlingsnummer 119 560. Er war luxemburgischer Staatsangehöriger und stammte aus dem Ort Merch nördlich der Hauptstadt Luxemburg. Kraemer war am 25. März 1942 als politischer „Schutzhäftling" ins KZ gekommen. Er wurde wie die Adressatin der Karte am 29. April 1945 von den ankommenden Amerikanern befreit und konnte neun Tage später seinen eigenen 25. Geburtstag in Freiheit feiern. Seine Funktion gab ihm möglicherweise Kontakt zum Frauenblock, zum Beispiel in der Verwaltung der Krankenakten oder in der Medikamentenbeschaffung. Nur solche Häftlinge mit einer gewissen Bewegungsfreiheit innerhalb des Lagers hatten Zugriff auf Papier und die Möglichkeit, Nachrichten zwischen dem Männer- und dem Frauenbereich schmuggeln zu lassen. Auf der anderen Karte steht unter dem ebenfalls gezeichneten Bild einer Glucke mit Rotkreuzhaube, die auf vier Küken sitzt, „Liebe Schwester Liesbeth, Wenn ich dich inmitten der Frauenschar wie eine fürsorgliche Mutter sehe, wünsche ich dir, dass du bald nach Hause gehen kannst.“
Leben nach dem Krieg
Nach dem Krieg lebte Elisabeth Hermsen unter anderem in Den Haag Die gesundheitlichen Belastungen belasteten sie noch jahrelang massiv. Wie viele Überlebende sprach sie gegenüber ihrer Familie kaum über die traumatischen Erlebnisse in den Lagern. Sie arbeitete aber wieder in ihrem Beruf als Krankenschwester. Berichten zufolge war sie eine kraftvolle und fürsorgliche Frau, die sich zeitlebens um andere kümmerte. In den 1970er Jahren, also bereits im fortgeschrittenen Alter, nahm sie Klavierunterricht bei der Komponistin Marjo Tal, einer Jüdin, die auch Widerstandskämpferin gewesen war. Zwischen den beiden Frauen entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Elisabeth Hermsen überlebte den Zweiten Weltkrieg um 35 Jahre. Sie starb am 8. Dezember 1980. Jüdinnen, die durch ihre Hilfe den Krieg überlebt hatten sowie ihre eigene Familie, vor allem ihre Nichte, reichten Jahrzehnte nach ihrem Tod eine Dokumentation bei Yad Vashem ein, um sicherzustellen, dass ihre Zivilcourage offiziell anerkannt wird. Yad Vashem vollzog die Ehrung von Elisabeth Hermsen schließlich 2018.
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlager_München_(Agfa_Kamerawerke)
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/elisabeth-jacoba-hermsen
https://nl.wikipedia.org/wiki/Liesbeth_Hermsen
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Radiointerview bei Radio Horeb über das Harfenkonzert mit Silke Aichhorn am 06.06.2026 in Dachau vom 21.05.2026, um 16.30 Uhr in der Reihe Katechismus, Podcast Link ab Minute 15.30 geht es um das Harfenkonzert. Es werden einige Gedanken zum Hintergrund des Konzertes und dessen Titel: "In der Hölle dem Himmel so nah" erklärt.
Das ganze Interview in voller Länge wurde am 26.05.2026 um 16.30 Uhr gesendet. Link zum Podcast
Herzliche Einladung zu einem Harfenkonzert mit Silke Aichhorn zu Ehren der Seligen Märtyrer von Dachau
am Samstag 6. Juni 2026 um 20 Uhr
im Ludwig-Thoma-Haus Dachau (Stockmann-Saal)
„In der Hölle des KZ dem Himmel so nah“
Eine Begegnung mit Menschen, die festhielten an
einer unzerstörbaren Hoffnung, im Wechselspiel von Musik und Texten
Schirmherr: Rafał Wolski, polnischer Generalkonsul
Eintritt frei, Spenden erbete
Es werden außerdem kleine Kerzen und Bilder zum Kauf angeboten, um das Konzert zu finanzieren.
Der neue Glaubenskompass von Kirche in Not über die Seligen Märtyrer von Dachau, kann an dem Abend auch mitgenommen werden.
Wer einen Sitzplatz reservieren möchte, bitte Mail an
Wegbeschreibung:
Anreise mit dem Auto:
Bitte Parkplatz auf der Ludwig-Thoma-Wiese ansteuern (Ludwig-Thoma-Straße 16, 85221 Dachau)
Fußweg von dort ca. 11 Minuten zum Ludwig-Thoma-Haus (Augsburger Str. 23)
Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln
S2 oder RB16 nach Dachau Bahnhof
Bus 720 (fährt alle 20 Minuten) bis Haltestelle Mittermayerstraße
kurzer Fußweg zum Ludwig-Thoma-Haus (Augsburger Str. 23)
Vom Bahnhof kann man auch zu Fuß gehen zum Ludwig-Thoma-Haus
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
Spendenkonto
DE54 7005 1540 0280 8019 29
BYLADEM1DAH
