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Bildtexte: Frederik Jan Elburg Foto: Yad Vashem; Auf dieser Mauer im Garten der Gerechten wurde Frederik Jans Elburgs Name eingraviert. Foto: Yad Vashem; Das Grab von Frederik Jan Elburg auf dem niederländischen Ehrenfeld in Loenen. Foto: Oorlogsgravenstichting

Frederik Jan van Elburg – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Frederik Jan van Elburg.

Schon früh im Widerstand

 Frederik Jan van Elburg wurde am 3. Februar 1908 in Ommen im Norden der Niederlande, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, geboren. 1932 heiratete er die vier Jahre ältere Everdina Timmerman. Bereits zu Beginn der deutschen Besatzungszeit im Mai 1940 engagierte er sich im Untergrund. Van Elburg war stellvertretender Leiter einer Molkerei in der unmittelbar an der Grenze gelegenen Stadt Enschede. Sein Chef, Dirk Pape, war ebenfalls im Widerstand aktiv, zum Beispiel beim Organisieren von Verstecken für Menschen, die aus verschiedenen Gründen auf der Flucht vor den Behörden untergetaucht waren. Angesichts der zunehmenden antijüdischen Maßnahmen in den Niederlanden, insbesondere nach Beginn der umfangreichen Deportationen in die Vernichtungslager im Osten im Sommer 1942, konzentrierte sich Frederik van Elburg auf die Unterstützung von Juden. Als engagierter Calvinist knüpfte er Kontakte zum mennonitischen Pastor Leendert Overduin, der heute als der heute als einer der bedeutendsten Judenretter des Landes während der deutschen Besatzungszeit gilt. Seine Gruppe von etwa 50 Kernmitgliedern vermittelte sichere Unterkünfte bei Bauernfamilien und Bürgern in und um Enschede sowie in der ländlichen Umgebung. Das Beschaffen von Lebensmittelkarten, das Fälschen von Ausweisen und finanzielle Unterstützung für die Untergetauchten und deren Gastgeberfamilien gehörten zu den Aktivitäten. Die „Gruppe Overduin“ rettete schätzungsweise bis zum Kriegsende zwischen 800 und 1000 Juden vor der Deportation und Ermordung.

Kraft aus tiefem Glauben an Gott

Frederik van Elburg brachte unter anderem die 15-jährige Lotte Lehrmann auf den Bauernhof von Hendrik und Diena Nijhuis außerhalb des Dorfs Boekelo, das am Stadtrand von Enschede liegt. Lotte stammte aus einer orthodox-jüdischen Familie in Den Haag. Kurz nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht hatte sie beschlossen, sich für das Ausbildungsprogramm der „Palästina-Pioniere“ anzumelden, um die Niederlande so schnell wie möglich verlassen zu können. Diese jungen Menschen waren Teil der Hachschara-Bewegung (hebräisch für „Vorbereitung“). Ihr Ziel war die Alija, die Auswanderung nach Palästina, um dort am Aufbau eines jüdischen Staates mitzuwirken. Um in den landwirtschaftlichen Kommunen (Kibbuzim) bestehen zu können, ließen sie sich gezielt in der Landwirtschaft, im Gartenbau oder im Handwerk ausbilden. Um mit Fachwissen beim Aufbau Israels zu helfen, absolvierte Lotte eine Lehre auf dem Bauernhof. Hinterher schrieb sie: „Es war harte, sehr anstrengende Arbeit. Ich lernte auch das Melken. Oft begleitete ich den Bauern zur Molkerei in Boekelo“.  Als das Mädchen zu den Nijhofs kam, versteckten sich bereits sieben andere Juden in deren Hühnerstall. Frederik hatte zuvor auch den 22-jährigen Emanuel Anholt zu den Bauern gebracht. Frederik van Elburg hielt Kontakt zu den meisten Untergetauchten, versorgte sie mit Dingen wie Büchern und Handarbeiten, aber auch mit Lebensmittelmarken und gefälschten Papieren. Er überbrachte ihnen, wenn möglich, Nachrichten von ihren Familien und unterstützte sie moralisch. Er musste Lotte Lehrmann zum Beispiel mitteilen, dass ihre Familie mit Ausnahme ihres jüngeren Bruders Bernard verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork gebracht worden war. Das war eine der üblichen ersten Stationen vor einer Deportation. Bernard war zum Zeitpunkt der Razzia im Haus der Lehrmans nicht zu Hause gewesen. Frederik van Elburg reiste sofort nach Amsterdam, holte ihn dort ab und brachte auch ihn in den Hühnerstall. In ihrem eigenen Haus gewährten er und seine Frau einer jüdischen Mutter und ihrem Kind Unterschlupf. Die van Elburgs waren ein starkes, energiegeladenes Paar und schöpften Kraft aus ihrem tiefen Glauben an Gott.

Verhaftungen

Obwohl ihre Lage die Nerven stark belastete, gelang es den untergetauchten Juden über ein Jahr lang, irgendwie zu überleben. Van Elburgs Aktivitäten verlagerten sich von der Gruppe Overduin zur LO (Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers, Landesweite Organisation zur Hilfe für Untergetauchte“) deren bewaffneter Arm LKP (Landelijke Knokploegen, wörtlich „Landesweite Knüppeltrupps“) zum Beispiel Lebensmittelkarten in Verteilungsbüros raubte. Im Juni 1943 wurden die im Hühnerstall Versteckten jedoch verraten, fast alle verhaftet und in Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert. Lotte und Bernard, die beide nach Bergen-Belsen kamen, überlebten. Auch ein junger „Onderduiker“ namens Emanuel Anholt befand sich zum Zeitpunkt der Razzia nicht im Versteck und wurde daher gerettet. Trotz dieses schrecklichen Ereignisses setzte van Elburg seine Widerstandsaktivitäten und seine Hilfe für Juden fort. Einen Monat später wurde aber auch er verraten und am 26. Juli 1943 verhaftet. Zunächst kam er in Groningen ins berüchtigte Gefängnis „Scholtenhuis“ und wurde intensiv verhört. Das Drchgangslager Amersfoort war die nächste Station vor der Deportation in das Deutsche Reich. Frederik van Elburg wurde zuerst aber in das einzige offizielle SS-Konzentrationslager in den Niederlanden überstellt: Herzogenbusch, das in den Niederlanden wegen der Nähe der gleichnamigen Stadt heute meist „Camp Vught“ genannt wird.

Über Sachsenhausen nach Dachau

Im September 1944 kam er wie zahlreiche andere Häftlinge wegen der möglichen Befreiung dieser Region durch die Alliierten dann ins KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin. Es war eine Art Verteilstation. Gefangene, für die dort wegen Überfüllung kein Platz war, wurden entweder nach Norden (Neuengamme) oder südwärts (Dachau) überstellt.  Letzteres war Frederik van Elburgs Schicksal. Er erhielt an seinem letzten Haftort im KZ Dachau die Nummer 108168. Als die US-Armee das Lager am 29. April 1945 befreite, gehörte van Elburg zwar zu den Überlebenden, war jedoch körperlich völlig am Ende. Da im Lager der Flecktyphus grassierte, verhängten die Amerikaner eine strikte Quarantäne über das gesamte Areal, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Frederik van Elburg wurde entweder im ehemaligen SS-Lazarett, das von den Amerikanern in ein Krankenhaus für ehemalige Häftlinge umgewandelt worden war oder in einem der provisorischen Lazarette auf dem Gelände behandelt. Die medizinische Versorgung konzentrierte sich auf die Bekämpfung von Unterernährung und Infektionskrankheiten. Erst nach Aufhebung der Quarantäne und einer gewissen Stabilisierung seines Zustands konnte er im Sommer 1945 in sein Heimatland zurückkehren. Dort kam er aufgrund seines kritischen Zustands aber gleich wieder in das Krankenhaus von Enschede. Die jahrelange Haft und die Krankheiten hatten seine Organe jedoch so schwer geschädigt, dass die medizinische Hilfe nicht mehr ausreichte. Frederik Jan van Elburg starb am 19. Dezember 1945, vier Tage vor dem vierten Adventssonntag, in der Klinik an den unmittelbaren Folgen der brutalen Gefangenschaft. Sein Leichnam wurde auf dem niederländischen Ehrenfeld in Loenen, einem Ortsteil von Appeldorn, beigesetzt. Sein Name findet sich heute auf dem Widerstandsmonument in der Stadt. Am 7. Oktober 2007 ehrte Yad Vashem ihn als Gerechten unter den Völkern.  Albert Jansen van Elburg, der älteste Enkel von Frederiks ältestem Bruder, nahm die Auszeichnung entgegen. Das Ehepaar Nijhuis hatte bereits 1976 die gleiche Ehrung Auszeichnung von Yad Vashem erhalten.

 Ehrungen

Der ebenfalls verhaftete Dirk Pape wurde er zunächst in das Konzentrationslager Herzogenbusch gebracht, dann ins KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin und schließlich am 4. Februar 1945 mit der Häftlingsnummer 123005 in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Er starb dort am 8. März 1945. Ein Lagerarzt notierte als offizielle Todesursache „Bronchopneumonie“ (Lungenentzündung), was jedoch im Zusammenhang mit der KZ-Haft, wen es denn überhaupt stimmte, fast immer eine Folge der extremen Unterernährung, der Misshandlungen und der katastrophalen hygienischen Bedingungen war. Wie durch ein Wunder überlebten Lotte und Bernard Lehrmann die Schrecken des Krieges. Lotte schrieb danach: „Dirk Pape und Jan van Elburg haben so viel Gutes getan. Sie mussten ihre Hilfe mit ihrem Leben bezahlen. Sie bleiben für immer in unseren Gedanken.“ Nach dem Krieg fand Lotte Lehrmann Emanuel Anholt wieder, von dem sie getrennt worden war. Sie heirateten und wanderten, wie auch ihr Bruder Bernard, nach Israel aus. Sowohl Dirk Pape als auch Frederik Jan van Elburg wurden mit der Benennung einer Straße in Boekelo geehrt. Im Gegensatz zu van Elburg wurde Pape aber nicht als Gerechter unter den Völkern geehrt. Dafür hätten spezifische Zeugenaussagen von Geretteten vorliegen müssen, die belegten, dass er unter unmittelbarer Lebensgefahr Juden geholfen hatte. Pape war zwar ein wichtiger Kopf des Widerstands, der zum Beispiel auch Kriegsgefangene und Menschen, die sich vor drohender Zwangsarbeit in Deutschland versteckten unterstützte. Eine Ehrung durch die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem wird aber wegen solcher Aktivitäten nicht. ausgesprochen.

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link 

Quellen:

https://collections.yadvashem.org/en/righteous/5747225

https://oorlogsgravenstichting.nl/personen/38828/frederik-jan-van-elburg

https://monument.vriendenkringneuengamme.nl/person/401259/frederik-jan-van-elburg/

 

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