

Fotos: Louise Blazer empfängt ihre Urkunde als Gerechte unter den Völkern. Foto: Yad Vashem; Diese Stelle erinnert im Kurpark von Gaggenau an das Sicherungslager Rotenfels. Foto: Frank C. Müller CC-AS 3.0; Das Haupttor des Sicherungslagers Schirmeck-Vorbruck. Foto: André Maurer, GNU-FDL 1.2
Louise Blazer - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.303 aus Frankreich. Eine von ihnen ist Louise Blazer.
Leben bis zur französischen Niederlage 1940
Louise Blazer erblickte am 22. September 1891 in Montbéliard im Nordosten des Landes als Tochter von Lucie und Emile Blazer, der Händler war, das Licht der Welt. Ihr Bruder Georges war ein Jahr älter, ihre Schwester Jenny sechs Jahre jünger. 1918 heiratete sie ihren Cousin Robert Blazer, der an einer unheilbaren Krankheit litt. Das Paar reiste mehrere Jahre lang durch Frankreich. 1936 starb Robert, und Louise kehrte in das große Familienhaus in Montbéliard zurück, wo auch ihr Vater lebte. Sie engagierte sich beim Roten Kreuz und im französischen Pfadfinderinnenverband und schloss sich einer gewerkschaftlichen Vereinigung an. Ihre Scoutlaufbahn begann sie bei der Gruppe „Pfadfinderinnen trotz allem“, die sich kranken Kindern widmete. 1939 nahm sie an einem internationalen Pfadfinderinnenlager für den Frieden in Budapest teil und kehrte kurz vor Kriegsausbruch nach Frankreich zurück. Nach der Niederlage und dem Waffenstillstand im Juni 1940 besuchte sie im Auftrag des Roten Kreuzes kriegsgefangene, verwundete, französische Soldaten. Die Deutschen beauftragten sie außerdem, die Leichen Hingerichteter zu identifizieren und deren Familien zu benachrichtigen. Louise Blazer nutzte ihre Position, um den Gegangenen bei der Beschaffung von Hilfsgütern zu helfen, hielt Kontakt zu ihren Familien und versuchte, ihnen zur Flucht zu verhelfen.
Der Weg in den Widerstand
Im Juni 1941 wurde sie zur Stadträtin von Montbéliard ernannt, zu einer Zeit, als Frauen noch keine wirklichen politischen Rechte besaßen. Diese Ernennung war durch das Gesetz vom 16. November 1940 zur Reorganisation der kommunalen Organe vorgeschrieben, das die Benennung einer „qualifizierten Frau zur Aufsicht über private Wohltätigkeits- und Hilfsprogramme“ vorschrieb. Paradoxerweise war es also das auf autoritären Prinzipien beruhende Vichy-Regime, das Frauen erstmals zur Mitarbeit in der Stadtverwaltung einlud – allerdings in einem Bereich, der damals als ausschließliche Domäne der Frauen galt. Gleich zu Beginn der deutschen Besatzungszeit hatte Louise Blazer mit der Hilfe und dem Einverständnis ihres Vaters, der 1941 starb, dutzende jüdischer Flüchtlinge aufgenommen. Unter ihnen war auch die Familie Rowinsky: Ephraim Rowinsky, ein Rabbiner polnischer Herkunft, seine Frau Judith Rowinsky und ihre sieben Kinder. Sie gewährte auch Mitgliedern der Résistance und anderen Untergetauchten Unterschlupf. Louise und ihre Schwester Jenny weiteten ihre Aktivitäten im Widerstand schließlich aus: Sie halfen Widerstandskämpfern bei der Flucht in die Schweiz, gewährten jungen Leuten, die nicht nach Deutschland in den Zwangsarbeitsdienst wollten, Unterschlupf und beteiligten sich an der Verteilung von Untergrundzeitungen. Zudem unterstützten sie die Familien von Deportierten. Die Flüchtlinge durften sich im ganzen Haus frei bewegen. Die Kinder vergnügten sich mit ihrem Spielzeug. Manchmal waren es so viele Menschen, dass die Gastgeberin ihnen sogar ihr eigenes Schlafzimmer zur Verfügung stellte und im Flur schlief. Und Louise Blazer nahm die täglich wachsenden Risiken ihrer illegalen Aktivitäten auf sich.
Weg mit dem gelben Stern
Als ihr eigenes Haus voll war, brachte sie verfolgte Juden bei Freunden unter. Am 22. Februar 1944 erfuhr Louise Blazer, dass Pierre Kahn, ein zwölfjähriger jüdischer Junge, bei einer Razzia der Deutschen in Montbéliard auf der Suche nach den letzten dort verbliebenen Juden verhaftet worden war. Piere erinnerte sich als längst Erwachsener lange nach dem Krieg selbstkritisch: „Wir waren sicher, dass die Vichy-Regierung uns beschützen würde. Ich war beruhigt. Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft. Seit Mai 1942 mussten Kinder ab sechs Jahren den gelben Stern tragen. Die Diskriminierung nahm zu. Natürlich fühlten wir uns anders als alle anderen. Aber das Leben ging mehr oder weniger weiter. Und dann, eines Tages im April 1943, wurden wir von Gewehrkolben geweckt, die gegen die Tür schlugen. Pierre hatte keine Zeit, sich von seinen Eltern zu verabschieden. Sie starben während des Transports nach Auschwitz oder dort nach der Selektion auf der Rampe. Lange Zeit tat der Sohn so, als wüsste er es nicht. Er wollte nicht glauben, dass sie tot waren. Er berichtete bis ins Hohe Alter von seinen Erfahrungen und sagte zum Beispiel 2016 im Gespräch mit Neuntklässlern der Lou-Blazer-Mittelschule in Montbéliard: „Wenn sie den gelben Stern nicht von meiner Jacke abgetrennt hätte, wäre ich heute nicht hier und könnte mit euch sprechen.“
Der Preis für den Widerstand
Louise Blazer besorgte ein gefälschtes Attest. Es behauptete, Pierre leide an Tuberkulose. Seine Beschützerin suchte in der Uniform einer Rotkreuzmitarbeiterin die deutsche Feldgendarmerie, die Militärpolizei, in der Kommandantur auf. Sie warnte die Gendarmen vor der angeblichen Ansteckungsgefahr und bekam von ihnen die Genehmigung, Pierre Kahn in ein Krankenhaus zu bringen. Dort besuchte sie ihn an den nächsten drei Tagen. Anschließend erreichte sie es, dass der Zwölfjährige in Sanatorium in der Nähe des 80 Kilometer entfernten Besançon verlegt wurde, aus dem sie ihn später wegschaffte. Kahn, der nach dem Krieg Apotheker wurde, bestätigte, dass Louise Blazer ihm das Leben gerettet hatte. Bei allen ihren Aktionen ignorierte Louise Blazer die allgegenwärtigen Gefahren und zahlreiche Warnungen. Sie bezahlte für ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus einen hohen Preis und wurde am 16. November 1944 in Montbéliard verhaftet, nur einen Tag vor der Befreiung der Stadt durch die Alliierten. Die Gründe für ihre Festnahme waren außer sogenannter „Judenbegünstigung“ ihre aktive Rolle in der Résistance und die Unterstützung von Kriegsgefangenen. Kurz nach ihrer Festnahme wurde Louise zunächst in das Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck im Elsass verschleppt. Von dort musste sie allerdings bald weiter, weil schon wenige Tage darauf auch diese Stadt von den Amerikanern eingenommen wurde. Nächste Station war das Sicherungslager Rotenfels, ein Außenlager des KZ Natzweiler im gleichnamigen Ortsteil von Gaggenau im Landkreis Rastatt.
KZ Dachau
Louise Blazer, die bereits eine fragile Gesundheit hatte, leistete dort vor allem moralischen Beistand für ihre Mitgefangenen. Die Bedingungen in den badischen Außenlagern waren in den Wintermonaten 1944/45 durch Hunger und Kälte extrem hart. In den letzten Kriegswochen wurden viele Häftlinge aus den Lagern im Südwesten Deutschlands aufgrund des Vorrückens der Alliierten weiter nach Osten getrieben. Louise Blazer wurde schließlich in das KZ Dachau deportiert, wo sie Anfang April 1945 eintraf. Wahrscheinlich musste sie wie weibliche Häftlinge fast ausschließlich im Agfa-Kommando in München-Giesing Zwangsarbeit leisten. Den Evakuierungsmarsch Ende April in Richtung Süden machte sie allerdings nicht mit, weil ihre Gesundheit so marode war, dass sie wie andere schwer kranke Kameradinnen ins Stammlager in das dort eingerichtete Lazarett für Frauen geschickt wurde. Sie erlebte die Befreiung des Lagers Dachau durch die US-Armee am 29. April 1945. Aufgrund ihres Gesundheitszustandes konnte sie nicht sofort nach Frankreich zurück kehren sondern verbrachte mehrere Monate in einem Lazarett in Deutschland. Erst im August 1945 kehrte sie nach Montbéliard zurück.
Lou pflanzt einen Baum
Das Departements-Befreiungskomitee setzte ihren Namen auf die Kandidatenliste für die ersten Kommunalwahlen nach dm Krieg. Louise Blazer errang einen überwältigenden Erfolg und wurde mit 87 Prozent der Stimmen, mehr als der amtierende Bürgermeister, gewählt. Ihre Kollegen mochten sie jedoch trotzdem nicht in dieses Amt wählen. 1947 beschloss sie, nicht erneut für die Kommunalwahlen zu kandidieren: „Politik ist zwar auf nationaler Ebene notwendig, hat aber im Gemeinderat nichts zu suchen.“ Am 28. Juli 1966 wurde Louise Blazer von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Sie nahm in einer Feierstunde selbst die Urkunde entgegen und pflanzte anschließend persönlich den Baum zu ihren Ehren im Garten der Gerechten. Louise Blazer starb kurz darauf, am 28. November 1966, in Montbéliard. Dort wurde 2010 das Louise-Blazer-Zentrum, eine medizinische und soziale Einrichtung, und 2015 die nach ihrem gängigen Rufnamen benannte Lou-Blazer-Mittelschule eröffnet. In Besançon trägt eine Straße ihren Namen.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://yadvashem-france.org/justes/nom/blazer-louise/
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/blazer?page=1
https://fr.wikipedia.org/wiki/Louise_Blazer
http://www.ajpn.org/juste-Lou-Blazer-286.html
https://www.estrepublicain.fr/guerre-et-conflit/2014/01/06/elle-a-decousu-mon-etoile
https://portail-archives.doubs.fr/page/lou-blazer-resistante-conseillere-municipale-et-juste-parmi-les-nations
http://fr.wikipedia.org/wiki/Montbéliard
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Bildtexte:
blazerurkunde: Louise Blazer empfängt ihre Urkunde als Gerechte unter den Völkern. Foto: Yad Vashem
blazerstele:
Diese Stelle erinnert im Kurpark von Gaggenau an das Sicherungslager Rotenfels. Foto: Frank C. Müller CC-AS 3.0
blazertor: Das Haupttor des Sicherungslagers Schirmeck-Vorbruck. Foto: André Maurer, GNU-FDL 1.2
Louise Blazer - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 4.303 aus Frankreich. Eine von ihnen ist Louise Blazer.
Leben bis zur französischen Niederlage 1940
Louise Blazer erblickte am 22. September 1891 in Montbéliard im Nordosten des Landes als Tochter von Lucie und Emile Blazer, der Händler war, das Licht der Welt. Ihr Bruder Georges war ein Jahr älter, ihre Schwester Jenny sechs Jahre jünger. 1918 heiratete sie ihren Cousin Robert Blazer, der an einer unheilbaren Krankheit litt. Das Paar reiste mehrere Jahre lang durch Frankreich. 1936 starb Robert, und Louise kehrte in das große Familienhaus in Montbéliard zurück, wo auch ihr Vater lebte. Sie engagierte sich beim Roten Kreuz und im französischen Pfadfinderinnenverband und schloss sich einer gewerkschaftlichen Vereinigung an. Ihre Scoutlaufbahn begann sie bei der Gruppe „Pfadfinderinnen trotz allem“, die sich kranken Kindern widmete. 1939 nahm sie an einem internationalen Pfadfinderinnenlager für den Frieden in Budapest teil und kehrte kurz vor Kriegsausbruch nach Frankreich zurück. Nach der Niederlage und dem Waffenstillstand im Juni 1940 besuchte sie im Auftrag des Roten Kreuzes kriegsgefangene, verwundete, französische Soldaten. Die Deutschen beauftragten sie außerdem, die Leichen Hingerichteter zu identifizieren und deren Familien zu benachrichtigen. Louise Blazer nutzte ihre Position, um den Gegangenen bei der Beschaffung von Hilfsgütern zu helfen, hielt Kontakt zu ihren Familien und versuchte, ihnen zur Flucht zu verhelfen.
Der Weg in den Widerstand
Im Juni 1941 wurde sie zur Stadträtin von Montbéliard ernannt, zu einer Zeit, als Frauen noch keine wirklichen politischen Rechte besaßen. Diese Ernennung war durch das Gesetz vom 16. November 1940 zur Reorganisation der kommunalen Organe vorgeschrieben, das die Benennung einer „qualifizierten Frau zur Aufsicht über private Wohltätigkeits- und Hilfsprogramme“ vorschrieb. Paradoxerweise war es also das auf autoritären Prinzipien beruhende Vichy-Regime, das Frauen erstmals zur Mitarbeit in der Stadtverwaltung einlud – allerdings in einem Bereich, der damals als ausschließliche Domäne der Frauen galt. Gleich zu Beginn der deutschen Besatzungszeit hatte Louise Blazer mit der Hilfe und dem Einverständnis ihres Vaters, der 1941 starb, dutzende jüdischer Flüchtlinge aufgenommen. Unter ihnen war auch die Familie Rowinsky: Ephraim Rowinsky, ein Rabbiner polnischer Herkunft, seine Frau Judith Rowinsky und ihre sieben Kinder. Sie gewährte auch Mitgliedern der Résistance und anderen Untergetauchten Unterschlupf. Louise und ihre Schwester Jenny weiteten ihre Aktivitäten im Widerstand schließlich aus: Sie halfen Widerstandskämpfern bei der Flucht in die Schweiz, gewährten jungen Leuten, die nicht nach Deutschland in den Zwangsarbeitsdienst wollten, Unterschlupf und beteiligten sich an der Verteilung von Untergrundzeitungen. Zudem unterstützten sie die Familien von Deportierten. Die Flüchtlinge durften sich im ganzen Haus frei bewegen. Die Kinder vergnügten sich mit ihrem Spielzeug. Manchmal waren es so viele Menschen, dass die Gastgeberin ihnen sogar ihr eigenes Schlafzimmer zur Verfügung stellte und im Flur schlief. Und Louise Blazer nahm die täglich wachsenden Risiken ihrer illegalen Aktivitäten auf sich.
Weg mit dem gelben Stern
Als ihr eigenes Haus voll war, brachte sie verfolgte Juden bei Freunden unter. Am 22. Februar 1944 erfuhr Louise Blazer, dass Pierre Kahn, ein zwölfjähriger jüdischer Junge, bei einer Razzia der Deutschen in Montbéliard auf der Suche nach den letzten dort verbliebenen Juden verhaftet worden war. Piere erinnerte sich als längst Erwachsener lange nach dem Krieg selbstkritisch: „Wir waren sicher, dass die Vichy-Regierung uns beschützen würde. Ich war beruhigt. Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft. Seit Mai 1942 mussten Kinder ab sechs Jahren den gelben Stern tragen. Die Diskriminierung nahm zu. Natürlich fühlten wir uns anders als alle anderen. Aber das Leben ging mehr oder weniger weiter. Und dann, eines Tages im April 1943, wurden wir von Gewehrkolben geweckt, die gegen die Tür schlugen. Pierre hatte keine Zeit, sich von seinen Eltern zu verabschieden. Sie starben während des Transports nach Auschwitz oder dort nach der Selektion auf der Rampe. Lange Zeit tat der Sohn so, als wüsste er es nicht. Er wollte nicht glauben, dass sie tot waren. Er berichtete bis ins Hohe Alter von seinen Erfahrungen und sagte zum Beispiel 2016 im Gespräch mit Neuntklässlern der Lou-Blazer-Mittelschule in Montbéliard: „Wenn sie den gelben Stern nicht von meiner Jacke abgetrennt hätte, wäre ich heute nicht hier und könnte mit euch sprechen.“
Der Preis für den Widerstand
Louise Blazer besorgte ein gefälschtes Attest. Es behauptete, Pierre leide an Tuberkulose. Seine Beschützerin suchte in der Uniform einer Rotkreuzmitarbeiterin die deutsche Feldgendarmerie, die Militärpolizei, in der Kommandantur auf. Sie warnte die Gendarmen vor der angeblichen Ansteckungsgefahr und bekam von ihnen die Genehmigung, Pierre Kahn in ein Krankenhaus zu bringen. Dort besuchte sie ihn an den nächsten drei Tagen. Anschließend erreichte sie es, dass der Zwölfjährige in Sanatorium in der Nähe des 80 Kilometer entfernten Besançon verlegt wurde, aus dem sie ihn später wegschaffte. Kahn, der nach dem Krieg Apotheker wurde, bestätigte, dass Louise Blazer ihm das Leben gerettet hatte. Bei allen ihren Aktionen ignorierte Louise Blazer die allgegenwärtigen Gefahren und zahlreiche Warnungen. Sie bezahlte für ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus einen hohen Preis und wurde am 16. November 1944 in Montbéliard verhaftet, nur einen Tag vor der Befreiung der Stadt durch die Alliierten. Die Gründe für ihre Festnahme waren außer sogenannter „Judenbegünstigung“ ihre aktive Rolle in der Résistance und die Unterstützung von Kriegsgefangenen. Kurz nach ihrer Festnahme wurde Louise zunächst in das Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck im Elsass verschleppt. Von dort musste sie allerdings bald weiter, weil schon wenige Tage darauf auch diese Stadt von den Amerikanern eingenommen wurde. Nächste Station war das Sicherungslager Rotenfels, ein Außenlager des KZ Natzweiler im gleichnamigen Ortsteil von Gaggenau im Landkreis Rastatt.
KZ Dachau
Louise Blazer, die bereits eine fragile Gesundheit hatte, leistete dort vor allem moralischen Beistand für ihre Mitgefangenen. Die Bedingungen in den badischen Außenlagern waren in den Wintermonaten 1944/45 durch Hunger und Kälte extrem hart. In den letzten Kriegswochen wurden viele Häftlinge aus den Lagern im Südwesten Deutschlands aufgrund des Vorrückens der Alliierten weiter nach Osten getrieben. Louise Blazer wurde schließlich in das KZ Dachau deportiert, wo sie Anfang April 1945 eintraf. Wahrscheinlich musste sie wie weibliche Häftlinge fast ausschließlich im Agfa-Kommando in München-Giesing Zwangsarbeit leisten. Den Evakuierungsmarsch Ende April in Richtung Süden machte sie allerdings nicht mit, weil ihre Gesundheit so marode war, dass sie wie andere schwer kranke Kameradinnen ins Stammlager in das dort eingerichtete Lazarett für Frauen geschickt wurde. Sie erlebte die Befreiung des Lagers Dachau durch die US-Armee am 29. April 1945. Aufgrund ihres Gesundheitszustandes konnte sie nicht sofort nach Frankreich zurück kehren sondern verbrachte mehrere Monate in einem Lazarett in Deutschland. Erst im August 1945 kehrte sie nach Montbéliard zurück.
Lou pflanzt einen Baum
Das Departements-Befreiungskomitee setzte ihren Namen auf die Kandidatenliste für die ersten Kommunalwahlen nach dm Krieg. Louise Blazer errang einen überwältigenden Erfolg und wurde mit 87 Prozent der Stimmen, mehr als der amtierende Bürgermeister, gewählt. Ihre Kollegen mochten sie jedoch trotzdem nicht in dieses Amt wählen. 1947 beschloss sie, nicht erneut für die Kommunalwahlen zu kandidieren: „Politik ist zwar auf nationaler Ebene notwendig, hat aber im Gemeinderat nichts zu suchen.“ Am 28. Juli 1966 wurde Louise Blazer von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Sie nahm in einer Feierstunde selbst die Urkunde entgegen und pflanzte anschließend persönlich den Baum zu ihren Ehren im Garten der Gerechten. Louise Blazer starb kurz darauf, am 28. November 1966, in Montbéliard. Dort wurde 2010 das Louise-Blazer-Zentrum, eine medizinische und soziale Einrichtung, und 2015 die nach ihrem gängigen Rufnamen benannte Lou-Blazer-Mittelschule eröffnet. In Besançon trägt eine Straße ihren Namen.
Quellen:
https://yadvashem-france.org/justes/nom/blazer-louise/
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/search-results/blazer?page=1
https://fr.wikipedia.org/wiki/Louise_Blazer
http://www.ajpn.org/juste-Lou-Blazer-286.html
https://www.estrepublicain.fr/guerre-et-conflit/2014/01/06/elle-a-decousu-mon-etoile
https://portail-archives.doubs.fr/page/lou-blazer-resistante-conseillere-municipale-et-juste-parmi-les-nations
https://fr.wikipedia.org/wiki/Montbéliard
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
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