Caritas und Seelsorge


Engagement der Geistlichen für Mitgefangene in Caritas und Seelsorge

Caritatives Engagement

Im Konzentrationslager engagierten sich die Geistlichen  für ihre Mitgefangenen.  Viele  Häftlinge kämpften verständlicherweise mit Verzweiflung und Resignation, auch die Geistlichen waren davon bedroht. Trotzdem  versuchten sie  sich für andere Häftlinge einzusetzten. Priester teilten ihre Essenspakete, gaben sehr viel, teilweise sogar alles, an Kameraden ab. Viele Priester verschenkten das letzte Stück Brot, wenn sie einem Kameraden begegneten, der Hunger hatte, und litten selber Hunger.

Sie verteilten außer Nahrungsmittel auch Kleidung und Medikamente, die sie zu hause erbeten und in Paketen zugeschickt bekommen hatten. Zum Teil wurden spezielle Medikamente zu hause bestellt, die z.B. bei den Typhus-Epedemien für Mithäftlinge gebraucht wurden. Große Mengen Traubenzucker und Medikamente konnten so ans Revier, die Krankenstation weitergegeben werden.

Geistliche spendeten auch freiwillig Blut, halfen Bedürftigen mit Kleidungsstücken und anderen materiellen Gütern, die sie  zu organisieren wussten. Manche waren jede freie Minute dazu unterwegs und gönnten sich kaum Freizeit. Dieser Einsatz gab ihrem Dasein im Lager Sinn und half ihnen so zu überleben. Die Motivation fanden die Priester im Gedanken im leidenden Mithäftling  Jesus selber zu begegnen und zu dienen.

Bemerkenswert sind die Ereignisse  im Januar 1945,  der Krieg ging  dem Ende zu. Als im Lager  Typhus ausbrach, meldeten sich über 30 Priester,  insbesondere aus Deutschland und Polen. Diese gingen in die von Typhus verseuchten Baracken der Krankenstation um dort als Pfleger zu arbeiten. Kein anderer wollte diese Arbeit mehr  tun, weil dort Lebensgefahr durch Ansteckung herrschte und die hygienischen Verhältnisse extrem abstoßend waren. Die Priester wollten  den Sterbenden beistehen, sie neben der pflegerischen Arbeit seelsorgerlich auf dem Weg zum  Tod begleiten und die Sterbesakrament zu spenden. Tausende starben durch ihren Einsatz versöhnt mit Gott.

Der Kaplan des Lagers, Dechant Schelling, suchte  für diesem Einsatz Freiwillige:  „Die Kranken brauchen Pflege, die Sterbenden brauchen Gott. Sie brauchen den Priester, der ihnen Gott bringen kann. Ich weiß, es geht um Leben und Tod derjenigen, die sich freiwillig melden.“ Von diesen  Freiwilligen überlebten nur ganz wenige. Der Selige Stefan Wincenty Frelichowsky ist unter diesen Märtyrern der Nächstenliebe, ebenso wie der Diener Gottes P. Engelmar Unzeitig; aber auch zahlreiche andere polnische Selige und Märtyrer.

Engagement in der Seelsorge

Ganz besonders wichtig und auch eine große Freude, war für die Priester das Engagement als Seelsorger im Lager. P. Sales Heß schrieb, eigentlich hätten sie sich freiwillig ins KZ Dachau melden müssen um die Gefangenen seelsorgerlich zu betreuen. Es war für sie eine große Freude, wieder ihre priesterliche Berufung leben zu können und durch die seelsorgerlichen Aktivitäten  ihrem Dasein im Lager einen Sinn zu geben.

Es war jedoch streng, unter Lebensgefahr, verboten, außerhalb der Kapelle  religiös  tätig zu sein. Viele Priester  waren unter den Lagerbedingungen täglich vorbereitet den Tod zu erleiden, die verbleibende Zeit wollten sie gut für die Kameraden nutzen, das Risiko schreckte sie nicht mehr.  Den Mithäftlingen brachten sie die Heilige Kommunion aus der Kapelle, den nichtdeutsche Priestern, die nicht in Baracke 26 zur Messe kommen durften, aber auch an einer großen Zahl von Laien. Priester besuchten illegal Sterbende im Revier, auch in der Zeit, als dies noch strengstens verboten war. Sie wurden dafür verprügelt und gaben es dennoch nicht auf, den Kameraden beizustehen und die Sakramente zu spenden. Vieles geschah im Verborgenen, selbst die Geistlichen wussten vom Engagement der jeweils anderen nicht viel, der Lagerleitung blieb das meiste unbekannt.

Im Lager wurden viele tausende Beichten gehört. Auf der Lagerstraße, bei Spaziergängen und an den Arbeitsstätten wurde heimlich gebeicht. Einige Priester waren besonders aktiv. Eigentlich hatte, insbesondere in den letzten Jahren ab 1943 jeder Katholik, der beichten wollte, z.B. um die Ostersakramente zu empfangen, die Möglichkeit einen Priester dafür anzusprechen. Die Lagerstraße, berichtete Pfarrer Sonnenschein , müsste man „Straße der Befreiung“ umbenennen, weil er allein  dort viele tausende Beichten gehört habe.  In seelsorgerlichen Gesprächen ermutigten die Geistlichen  und halfen nicht zu verzweifeln in der schlimmen Situation des Lagers, für viele Mithäftlinge war das lebensrettend. Die Geistlichen bemühten sich auch ihren Glauben anderen als Halt und Stütze anzubieten und viele Mitgefangene wurden neu zu Gott geführt und für ihr ganzes weiteres Leben geprägt.

Die Priester erteilten auch wiederholt heimlich die Generalabsolution für alle Sterbende, die keine Möglichkeit mehr zur Beichte hatten, z.B. beim Vorbeimarschieren am Krankenrevier, oder wenn sie von  Hinrichtungen erfuhren, bei denen  hunderte von Kriegsgefangenen erschossen wurden.

Täglich spendeten die Priestern  ihren priesterlichen Segen. Abends segneten sie  gemeinsam alle die Lieben zu hause, aber auch das ganze Lager, Mithäftlinge und Feinde.

Einige Priester gingen in ihrem Einsatz für Gefangene aus Russland und Tschechien so weit im Lager deren Sprache zu lernen und Schriften in diesen Sprachen zu verfassen und zu verbreiten um diese Kameraden seelsorgerlich erreichen zu können.  Als Beispiel ist der Diener Gottes P. Engelmar Unzeitig zu nennen.

Ende 1944 war es endlich Priester aus anderen Nationen und Laien möglich  die Kapelle  zu besuchen und die heilige Messe mitzufeiern. Dafür wurden täglich mehrere Gottesdienste gefeiert. Am Sonntag gab es 15 Messen, in einer Woche bis zu 50 Messen, auch in den verschiedenen Sprachen gab es spezielle Angebote.

Zitate:

 Zitate zur Caritas

Gewiss wäre es schön gewesen, den wohlverdienten Feierabend bei einem wertvollen Buch zu verbringen oder im Gespräch mit lieben Kameraden. Auch lockte die Rast beim Heiland in der Kapelle. Hier aber, auf der Lagerstraße, wartete auch Christus. Er selbst wartete in Seinen hungernden und hilflosen Brüdern. (Matth 25,40) Er selbst wartete auf uns- der Christus von Dachau! So begann nachdem Arbeitstag erst die schwerste, aber auch die schönste Arbeit. Die Frage war nur: Wird man es aushalten und wie lange? Doch was tut´s! Andere hielten es auch aus, und – Gott wird weiter sorgen.

– P. Lenz

 

Es gab Priester, die ihre Pakete restlos verschenkten und nur Lagerkost aßen. Andere verschenkten grundsätzlich jedes zweite Paket. Wieder andere teilten jedes Paket in 3 Teile: für die Kranken, für die Armen, für sich.

-P. Lenz

 

Nur weniges geschah öffentlich; das meiste blieb im Verborgenen, und das war sehr viel.

Wir hatten mit dem Leben abgeschlossen. Es galt noch den letzten Rest der Lebenskraft für Gottes Reich zu opfern.“ [1]

-P. Otto Pies

 

Für die Wissenden steht fest, dass die Caritas einen mehr als gewöhnlichen, ja bei nicht wenigen Priestern heroischen Grad an nahm.

-Schnabel

 

Die göttliche Vorsehung führte mir so viele Arme zu, dass ich stets zu wenig Brot hatte zum Verschenken, zu wenige Hände um jeden Armen zu bedienen, die nichts bekamen von ihren Lieben. Dem einen waren sie gestorben, dem anderen war die Frau untreu geworden, der dritte war schon früher mittellos und einsam dagestanden, einem vierten standen die Söhne im Krieg: die Frau aber litt selbst Hunger. Wieder andere hatten durch Bombenangriff Hab und Gut verloren, vielleicht sogar ihre Familien. Und so viele Ausländer waren da, die nichts bekommen konnten. Die Aktion der Rotkreuzpakete kam erst spät so recht in Fluss. Und auch dann reichte sie nicht für alle. Wer aber von der Lagerkost leben musste, jahraus, jahrein in endloser Haft, der war sehr übel dran…

-P. Lenz

 

Mit Handwagen wurden die gespendeten Liebesgaben der Priester ins Revier gefahren. Dazu ganze Eimer voll Zucker, 100 Pakete Traubenzucken, eingemachtes Obst, Marmelade, Keks, Zitronen… Ein echter Triumphzug echter Kameradschaft – geboren aus christlich-priesterlicher Nächstenliebe.

-P. Lenz

 

Die Pfarrer haben sehr viel für die Kranken gestiftet. Es handelt sich um Brot und Dinge aus ihren Paketen. Sie haben wirklich eine Menge Gutes getan, aber sie selbst hängen es nicht an die große Glocke, und die anderen verschweigen es meist.

-Kupfer-Koberwitz

 

Tatsache ist, dass durch die caritative Tätigkeit der Geistlichen der Ernährungs- und Gesundheitszustand im Lager gehoben und die Sterblichkeitsziffer eine zeitlang auf ein normales Maß gesenkt wurde.

-Balling

 

Wiederum ein Anschlag in der Kapelle zu lesen: Blutspender werden gesucht, für die Verwundeten aus Augsburg! Es melden sich so viele, dass manche bis 1945 warten mussten, ehe sie benötigt wurden….Tatsächlich haben sich im Laufe der Jahre Hunderte von Priestern als Blutspender gemeldet. Manche haben sogar 5-7 mal für Kranke Blutopfer gebracht.

-P. Lenz

 

Er existierte mit einem Minimum an Nahrung, denn er verschenkte alles. Er begab sich in Gefahr, ohne sich auch nur vorzusehen. Tag und Nacht war er in den Seuchenbaracken, bettete die Kranken, wusch sie, sprach mit ihnen, betete mit ihnen. Dieser Mann hat wahrhaft Übermenschliches geleistet. Er war immer und überall dort zu finden, wo die Not am größten gewesen ist.

-Schnabel über P. Leonhard Roth

 

Januar 1945: Typhusepedemie im Lager, die Kranken  im Revier litten, schriehen vor Durst. „In der Lagerkantine aber war um mehrere tausend Mark Selterswasser… Hornich (Pfleger) erzählt: „Der größte Teil der Kranken hatte kein Geld.  Ich begab mich ohne viel reden, auf Block zu 26 zu Reinholt Friedrichs, den Blockvater, und schilderte. Ohne viel Worte fragte dieser: „Wieviel Geld würdest du brauchen?“ „2-4tausend Reichsmark!“  „Komm bitte, heute abend nach dem Appell.“ Drei Stunden später hatte er bereits eine Überweisung von 2500 RM. Am nächsten Tag erhielt ich vom Block 26 noch ungefähr 1500 RM für die Revierkranken. Den im Fieber ringenden Kameraden war geholfen.

-P. Lenz

Zitate zur Seelsorge

Bedachten wir die Tausende von Menschen, die ohne jegliche Seelsorge in eben dieser Hölle ausharren mussten, dann wussten wir einen triftigen Grund für unsere Verhaftung. Ja wir hätten uns eigentlich freiwillig ins KZ melden müssen, um den Verlassenen zu helfen.

-P. Sales Hess

 

An sich war es im Lager strengstens verboten, irgendeine priesterliche Tätigkeit und seelsorglichen Einfluss auszuüben. Im September 1941 wurde sämtlichen Priestern unter stärksten Drohungen des Entzuges ihrer Privilegien und Verhängung schwerster Strafen jedwede religiöse Betätigung über den von Himmler erlaubten Rahmen hinaus außerhalb des Blockes verboten. …Unter mancherlei Tarnungen mit Unterstützung zuverlässiger Laien wurde dann doch sehr viel getan. Es ist wohl kaum ein gutwilliger Katholik gestorben ohne den Empfang der heiligen Sakramente, die ihm heimlich, wenn auch in primitivster Form, gespendet werden.

-P. Otto Pies

 

…Vielleicht lässt sich manches überstandene Leid und still getragene Not ermessen an dem Segen, der hier und da gespendet werden durfte und auch an den Erfahrungen, die als Frucht des Lebens und Ringens in dieser einzigartigen großen internationalen Priestergemeinschaft von der göttlichen Vorsehung geboten wurden.

-P. Otto Pies

 

Wir hatten mit dem Leben abgeschlossen. Es galt noch den letzten Rest der Lebenskraft für Gottes Reich zu opfern. Auch die geistige Spannkraft, durch kein Vielerlei zersplittert, konnte mit allem Eifer darangehen, die letzte Seelenernte einzubringen. Und diese Ernte war groß. Tausende warteten auf uns, ja zehntausenden wird unsere priesterliche Nähe im Lager auch ihre seelische Hilfe und Rettung geworden sein.“  „Ein riesengroßes Seelsorgsgebiet auf engstem Raum. Und die Priester, voll Seeleneifer, zumeist deshalb hinter Stacheldraht. Mitten aus ihrem eigenen Seelsorgsgebiet gottwidrig und widerrechtlich herausgerissen. Nun waren sie Seelsorger Europas geworden…  Die europäische Pfarrei bestand aus 134 Diözesen und 24 Nationen…

-P. Lenz

 

Ein priesterlicher Freund nahm ihnen das heiligste Sakrament auf den Arbeitsplatz mit. Ein stiller Gruß, ein unbeachteter, vielsagender Händedruck – und schon lag in der geschlossenen Rechten des anderen ein weißes, klein gefaltetes Papier mit der konsekrierten heiligen Hostie. Unauffällig suchte hierauf der Beschenkte ein einsames Plätzchen auf und empfing heimlich aus eigener Hand den Leib des Herrn.

-P. Lenz

 

Die Priester teilten auch auf dem Apellplatz oftmals in der Dunkelheit die heilige Kommunion aus, während die SS-Leute die anderen Blocks abzählten.

-Pfr. Goldschmitt

 

Was haben wir für Beichten gehört! Menschen nach Jahrzehnten mit ihrem Herrgott versöhnt. Es war geradezu rührend, wie die Gnade Gottes wirkte. Da schaufelt in der Kiesgrube einer neben mir am Sandhaufen- und während der Arbeit bekennt er seine Sünden. Dann kommt ein anderer und nimmt seinen Platz ein; so ging es stundenlang. Oder draußen in der Plantage rupft einer kniend neben mir Unkraut und spricht sein mea culpa. Zeiten des Urchristentums der Katakomben!

-Pfr. Friedrich Seitz

 

Nach und nach ist wohl jeder Block des Lagers zum Gotteshaus geworden, gnadenvoll heimgesucht von Jesus Christus, Gott und Mensch zugleich. Wie oft? Mancher Block hunderte, tausende Male – besonders die Krankenbaracken. Der Priester im Häftlingskleid brachte Christus, den Gefangenen der göttlichen Liebe, seinen Mitgefangenen. Aller Neid und alle Wut der Hölle konnten dagegen nicht aufkommen.

-P. Lenz

 

Über die Mühe für die Seelsorge russisch zu lernen:

Es war mir selbstverständlich eine Freude, einen religiösen Einfluss auf so manchen Russen direkt oder indirekt auszuüben, und ihm zum Gebet, zum Nachdenken über die ewigen Dinge und den Sinn des Lebens bewegen zu können. Es war ein Stück Seelsorge, ein Stück meines Berufes. Ich würde die gleiche Mühe nochmals aufwenden, obgleich ich weiß, dass es an meiner Nervenkraft zehrte…

-Dümig


[1] Lenz s 195

Copyright © Verein Selige Märtyrer von Dachau e.V