Henryk Kaczorowski


Seliger Henryk Kaczorowski (1888-1942)
Priester der Diözese Wloclawek
Dr. Prof., Rektor des Priesterseminars von Wloclawek, Synodalrichter, Prälat, Domkapitular
geb: 10.07.1888 in Bierzwiennej, Wielkopolskie (Polen)
verhaftet am 07.11.1939 in Wloclawek, nach Gefängnisaufenthalten in Wloclawek, Lad (Lond)
ab 25.04.1941 KZ Dachau
+: 06 .05.1942 auf einem Invalidentransport, vergast in Hartheim bei Linz, Österreich, 54 Jahre alt[1]
Gedenktag: 06.05.
 kurze Biografie (ausführliche Biografie siehe unten)

Der Selige war Rektor des Priesterseminars in Wloclawek, ein Wissenschaftler und zugleich ein sehr eifriger und guter Ausbilder der Seminaristen, ein Mensch mit einem guten Herzen. Er leitete das Seminar von 1928 bis zum Juni 1939. Nach seinem Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen, blieb er weiter als Professor für Moraltheologie am Priesterseminar.
Verhaftet wurde er 1939, zusammen mit dem ganzen Priesterseminar und dem Weihbischof von Wloclawek, dem seligen Bischof Michal Kozal und den seligen Seminaristen Tadeusz Dulny und Bronislaw Kostkowski. Er blieb bis zu seinem Ende seinem Herrn Jesus Christus heroisch treu.
Als er im Lager Dachau nicht mehr als arbeitsfähig eingestuft wurde,brachte man ihn in einen soggenannten Invalidentranzport fort. Er fand den Tod in der Gaskammer am  06.05.1942. In diesem Transport befand sich auch der selige Kazimierz Gostynski
Beim Abschied nehmen von seinen Freunden im Lager sagte er noch:
„Wir täuschen uns nicht; wir wissen, was uns erwartet“. ‚Der Herr ist er Herr ist mein Hirte, es fehlt mir an nichts‘ (Ps 23). Aus den Händen Gottes  nehmen wir das an, was auf uns wartet. Betet, damit wir ausharren, wir werden auch für euch beten — dort, im Himmel“.[2]
Ein Mithäftling, der spätere Bischof Majdanski erinnert sich:
„Er war immer unglaublich fleißig, ordnungsliebend, ein disziplinierter Asket. Im Lager strahlte er Ruhe und Unverdrossenheit aus. Er kam mit vielen anderen Priestern (eben weil sie Priester waren!) in den Invalidentransport, das heißt in die Gaskammer, und erstarrte im letzten Moment vor Entsetzen, weil sein Freund, der versucht hatte, sich von ihm zu verabschieden, eine heftige Ohrfeige vom rohen Stubenältesten erhielt)[3]


[1] Daten nach WEILER, Eugen, Die Geist­li­chen in Dachau, Möd­ling 1971, S 328
[2] Nach SLIWKA, Euge­ni­usz (Red.), Mär­ty­rer für den Glau­ben 1939-1945,
[3] MAJDANSKI, Kazi­mierz, Ihr wer­det meine Zeu­gen sein…, 1995 Mit­tel­bi­ber­ach

Ausführliche Biografie von Klemens Hogen-Ostlender

Henryk Kaczorowski wurde am 10. Juli 1888 in Bierzwienna als ältester Sohn von Andrzej und Julia Kaczorowski geboren. Nach seinem Abschluss an der Allgemeinen Schule in Klodawa begann er seine Ausbildung am Gymnasium in Kalisz. Nach dem Abitur nahm er eine Stelle als Lehrer an und trat 1908 in das Priesterseminar in Wloclawek. Ab 1913 setzte er seine Ausbildung an der Spirituellen Akademie in St. Petersburg fort und wurde dort am 13. Juni 1914 von Bischof Jan Cieplak zum Priester geweiht. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er in Kalisz und wurde mit verschiedenen vorübergehenden seelsorgerischen Funktionen beauftragt. Er widmete sich besonders dem Dienst an Kranken. Ab Herbst 1915 ersetzte er neun Monate lang den Pfarrer im Marienheiligtum in Lichen und war anschließend Vikar der Pfarrei Podkarawa in Sulmierzyce. Sein unterbrochenes Studium konnte er erst 1918 an der neu gegründeten katholischen Universität Lublin fortsetzen. 1922 promovierte er dort als erster Student der Universität in Theologie. Thema seiner Doktorarbeit war die Rolle von Gefühlen im menschlichen Leben nach der Lehre des heiligen Thomas von Aquin.
Nach seiner Rückkehr nach Wloclawek begann er am örtlichen Seminar in Moraltheologie zu unterrichten und war gleichzeitig Direktor des Gymnasiums Pius X. 1928 wurde er zum Rektor des Seminars ernannt. Er übte diese Funktion bis Juni 1939 aus, als der Bischof aufgrund wiederholter Aufforderungen aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt akzeptierte. In Anerkennung seines Beitrags zur Diözese wurde er 1930 mit der Würde des Kanonikers des Domkapitels ausgezeichnet und 1939 zum päpstlichen Prälaten ernannt. Trotz der zahlreichen Funktionen, die ihm übertragen wurden, war Henryk Kaczorowski vor allem mit dem Seminar verbunden. Der Hauptzweck seines Dienstes dort bestand darin, glühende, aufopfernde Priester, Menschen des Glaubens und des Gebets auf die umfassende Entwicklung ihrer Talente vorzubereiten. Er duldete weder Passivität noch Unordnung und war konsequenter Befürworter einer gewissenhaften Anstrengung beim Lernen, bei der Hingabe und bei der Einhaltung jeder Ordnung im Alltag. Er war sehr besorgt um Alumni aus sozial schwachen Familien, die er auf verschiedene Weise mit diskreter Hilfe unterstützte, oft durch Stipendien aus eigenen Mitteln. Ein damaliger Seminarist erinnerte sich viele Jahre später an die Worte seines früheren Rektors: „Sie werden Gärtner sein, Sie werden säen, Sie werden Blumen pflegen, aber nicht für sich selbst, sondern für den Herrn“. Ein sehr klares Zeugnis des Wirkens von Henryk Kaczorowski spricht, dass aus dem Seminar, dessen Rektor er war, fünf seliggesprochene Märtyrer hervorgingen: Edward Grzymała, Pater Jozef Kurzawa, Leon Nowakowski, Tadeusz Dulny und Bronisław Kostkowski. In den Jahren 1924 – 1938 nahm Henryk Kaczorowski neben den häufigen Kontakten mit den nationalen theologischen Zentren in Polen fast jedes Jahr an internationalen wissenschaftlichen Konferenzen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Italien und der Tschechischen Republik teil, von denen er in der Zeitschrift „Atheneeum der Priester“ Artikel zu theologisch-moralischen, asketischen und sozialen Themen, insbesondere zu zahlreichen Rezensionen neuer Bücher, abdruckte.

 

Nach dem Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 blieb Henryk Kaczorowski trotz der Gefahr durch die deutsche Besetzung in der Stadt und war zusammen mit anderen Professoren im Seminar, um nach Möglichkeit weiter zu unterrichten. Am 7. November 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und ins Stadtgefängnis gebracht. Sogar dort hörte er nicht auf, seine Schüler zu unterrichten, die mit ihm eingekerkert waren. Aufgrund einer Erkrankung wurde er auf Vermittlung eines Arztes im Frühjahr 1940 in das Salesianer-Kloster in Lad gebracht, wo inhaftierte Kleriker zeitweilig interniert waren. Am 3. April 1941, dem Donnerstag vor Palmsonntag, wurde Henryk Kaczorowski er zusammen mit anderen Häftlingen, darunter auch der selig gesprochene Bischof Michal Kozal, dort abgeholt und über Zwischenstationen in Gefängnissen in Inowroclaw, wo er schwer misshandelt wurde, und Berlin ins KZ Dachau gebracht. Dort kam er am 25. April 1941 an und erhielt die Lagernummer 24547.
Henryk Kaczorowski behielt auch im Konzentrationslager seine christliche Würde und Ruhe. Er entzog sich keiner Arbeit, die ihm befohlen wurde. Mithäftlinge berichteten später, dass er trotz schrecklichen Hungers und Erschöpfung sein Essen mit anderen teilte. Als er physisch völlig erschöpft war, wurde er in den sogenannten Invalidenblock aufgenommen, in dem in einem 8 x 9 Meter großen Raum ungefähr 300 Menschen zusammengepfercht waren. Anfang Mai 1942 wurde Henryk Kaczorowski mit anderen ausgezehrten Gefangenen mit einem Lastwagen auf einen sogenannten „Invalidentransport“ geschickt. Er erkannte voll und ganz, dass es eine Reise in den Tod war, akzeptierte das jedoch ruhig, vertraute sein Leben Gott an und sagte einem Häftling, der im Lager zurückblieb: „Sagen Sie allen, dass sie nicht trauern sollen. Wir machen uns nichts vor. Wir wissen, was uns erwartet“. Er deutete mit der Hand auf den Himmel und fuhr fort: „Bitten Sie für uns, dass wir durchhalten, und wir werden dort auch für Sie beten“. Am Mittwoch, dem 6. Mai 1942, acht Tage vor Christi Himmelfahrt, wurde Henryk Kaczorowski auf Schloss Hartheim bei Linz in Österreich in der Gaskammer getötet.

 

Kazimierz Majdanski, der ebenfalls in Dachau inhaftiert war und nach dem Krieg Erzbischof von Stettin-Cammin wurde, berichtete 1976 über seine Begegnung mit Henryk Kaczorowski, den er im Gefängnis in Wloclawek kennenlernte: „Wir wurden am Abend des 7. November 1939 zu 43 in einer kleinen Gefängniszelle untergebracht. Weder die enorme Enge noch die ganze Einzigartigkeit der Situation hinderten ihn daran, sein Altarmissale durchzusehen und geduldig Notizen zu machen. Es scheint, dass er die Messgebete analysiert hat. Er hat weder im Seminar noch im Gefängnis, in Ląd oder im Lager Zeit verschwendet… Er hat sich nie beklagt, er hat nie ein Wort der Klage oder Trauer ausgesprochen, er hat alles akzeptiert, was so unerwartet kam, und dabei wurde er doch so grausam gefoltert… Er konnte sein Kreuz tragen im Angesicht des stillen Lammes. Dieser wundervolle Priester war selbst still. Und das war das Geheimnis seines Lebens, vielleicht das tiefste“. Der ebenfalls in Dachau gefangene Priester Wladyslaw Sarnik erinnerte sich 1991 so an Henryk Kaczorowski und den Tag, an dem sein „Invalidentransport“ Dachau verließ: “Es war 1942, ein grausames Jahr in der Geschichte des Lagers Dachau. Ein schrecklicher Hunger, tobender Typhus, Phlegmone, Durchfall, Geschwüre… Die Täter ,verbesserten´die Vernichtungsmaschine auf teuflische Weise. Sie isolierten ein paar Baracken von der Gemeinschaft der arbeitenden Häftlinge im Lager für die sogenannten Invaliden, politische und ideologische Feinde, insbesondere die Intelligenz. ,Unproduktive´ Menschen wurden isoliert, also Ältere, Kranke und Verstümmelte. Einer unserer Priester rief ,Kollegen, die Geisterwagen sind wieder da´. Wir liefen heraus. Es gab tatsächlich einen schwarzen Lastwagen. Darum herum Nervosität, scharfe Befehle von zwei SS-Männern. Einer von ihnen, mit einer Liste in der Hand, rief die Namen aus. Ich rannte auf das geschlossene Eisentor zu. Ich wollte diese Namen hören, ich wollte die Männer sehen, ich wollte sie zum letzten Mal ansehen. Inzwischen fielen weitere Namen. Wie bekannt waren mir die Namen polnischer Priester, mit denen ich bisher das Schicksal geteilt hatte. Schon hörte ich ,Kaczorowski, Henryk´. Meine Beine zitterten unter mir. Dies war mein Wohltäter, mein lieber Professor und Rektor. Ich konnte ihn sehen. Er verließ den Raum in seiner Lageruniform, extrem dünn – ein Geistermann. Seine großen Augen sahen sich um, und er sah mich hinter dem Tor stehen… ,Bleib bei Gott!´ sagte er, aber er konnte mir seine Hände nicht zum letzten Abschied geben. Nur durch das Netz berührte er meine Hand mit seinen Fingern. Ich werde das Gefühl, das ich damals erlebte, diese Worte, diese Berührung meiner Hand, nie vergessen. Für diese Geste wurde mein geliebter Rektor zusätzlich bestraft. Der SS-Mann, der am Eingang des dunklen Innenraums des Wagens stand, packte ihn am Kragen und drängte ihn hinein… Mich erschütterte die Frage: Warum? Warum ist die Welt so grausam für die Menschen, für die Heiligen? Dies kann nur im Licht der Offenbarung Gottes verstanden werden, durch den Erlösungstod  Christi, der den Heiligen die Teilnahme an der Erlösungsarbeit erlaubte. Unsere Heimat verdankt ihre Existenz dem Opferheroismus ihrer Söhne und Töchter, und besonders den heiligen Märtyrern“.
Franciszek Korszynski, der als Priester ebenfalls in Dachau inhaftiert war und nach dem Krieg Weihbischof in Wloclawek wurde, bezeichnete Henryk Kaczorowski nach dem Krieg als „die Sonne im Seminar in Wloclawek“, als „eine dieser schönen Gestalten, die wie ohne Willen ohne bewusste Absicht glänzten und die dichte Dunkelheit der NS-Verbrechen und die Dunkelheit der Mitbrüder zerstreuten“. Der Weihbischof unterstrich: „Das war so in seinem Leben als Kleriker, Pastor, Professor und Rektor, und so war es auch in der Gefangenschaft: In Gefängnissen und Nazi-Lagern wollte er Gott auf jede erdenkliche Weise verherrlichen und anderen helfen, vor allem indem er sein Leiden heiligte und anderen Mitgefangenen half… Die Liebe zum Herrgott machte ihn mutig, das Leiden in verschiedenen NS-Gefängnissen und in Dachau zu tragen. Er litt körperlich und moralisch sehr, aber niemand hörte von ihm das geringste Wort des Kummers gegen Gott und die Menschen, auch nicht gegen Feinde. Im Gegenteil, er ertrug alle Belästigungen und Hunger mit guter Stimmung… Im Invalidenblock wurde ihnen versprochen, dass sie in ein Lager mit besseren Bedingungen transportiert würden, aber tatsächlich wurden sie in den Tod durch Vergasung geschickt. Als ich ihn einmal sehen wollte, schlich ich mich gerade in den Block der Invaliden, wo er mit einer Energie, die ich bewunderte, den Raum fegte und Tische und Hocker aufstellte. Er versicherte mir, dass diese weniger anstrengende körperliche Arbeit seiner Gesundheit diente, dann nahm er ein Stück Brot aus der Tasche und drückte es mir einfach in die Hand. Er hatte selbst Hunger, denn die Invaliden hatten das gleiche Essen wie alle anderen Gefangenen, aber er nahm das bisschen extra Brot, die Suppen oder die Kartoffeln,die er für die Arbeit in dem Raum bekam, nicht für sich selbst an, sondern gab sie an andere weiter. Wer weiß, was Hunger ist, wer 1942 vor allem in Dachau Hunger hatte, nennt das Heroismus. Das war in der Tat wahr: Henryk Kaczorowski steigerte seine Liebe zu seinen Brüdern zum Heldentum… Er hat nie aufgehört zu beten: Wenn im Block relativer Frieden herrschte, wenn wir Verfolgung erlebten, bei der Arbeit, während des Appells und in der Freizeit… Theologische Tugenden und der Geist des Gebets – das war der Hauptinhalt des inneren Lebens von Henryk Kaczorowski, der moralische Tugenden gegenüber den Menschen ausstrahlte. Der Moral-Theoretiker lehrte nicht nur Moraltheologie, sondern lebte sie auch sein ganzes Leben lang, besonders in Dachau. Er glänzte besonders mit der Tugend der Tapferkeit, und er strahlte aus auf alle, die mit ihm zusammenlebten und litten. Er wurde nie deprimiert gesehen. Ja, er war manchmal traurig, weil er zu viele verschiedene Gründe hatte. Aber diese Traurigkeit war ruhig und hatte etwas, das andere Menschen trösten und sich erheben ließ. Außerdem waren seine schmerzlichen Erfahrungen und Verfolgungen sozusagen religiös, weil er alles zu Gott erhoben und alles zu Gott angeboten hatte. Auf seinem vorzeitig gealterten Gesicht herrschte große Ruhe und Gelassenheit, und seine in tiefe Höhlen eingebetteten Augen waren voller Leben und Freude“.

Henryk Kaczorowski wurde am 13. Juni 1999 von Papst Johannes Paul II. In Warschau mit 107 anderen polnischen Märtyrern des Zweiten Weltkriegs seliggesprochen.

Quellen:

https://www.ewtn.com/library/MARY/bios99.htm#Henrykhttps://pl.wikipedia.org/wiki/Henryk_Kaczorowski

https://www.swietyjozef.kalisz.pl/Dachau/25.html

 

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