Gerhard Hirschfelder


 

Geb 17.02.1907 in Glatz, Schlesien

Verhaftet wegen einer Predigt:

 „Wer der Jugend Christus aus dem Herzen reißt, ist ein Verbrecher.“

KZ Dachau ab 27.12.1941

+ 01.08.1942 KZ Dachau

Selig gesprochen 19.09.2010

Gedenktag: 02.08.

   Seliger Gerhard Hirschfelder, bitte für uns!

 

Inhaltsverzeichnis: 

  • Zitate
  • Predigt (von  Prof . Dr. Hugo Goeke bei der Eucharistiefeier in Habelschwerdt am 12. 10. 2010) 

 

Biografie:

(von Prof. Dr. Hugo Goeke  beim Gottesdienst in der Gedenkstätte des KZ Dachau am 23. 09. 2012)

 Am 17. Februar 1907 bringt die 25jährige Maria Hirschfelder im schlesischen Glatz ihr einziges Kind zur Welt. Der leibliche Vater bleibt dem Kind unbekannt.

Als alleinerziehende Mutter müht sie sich als Schneidermeisterin um den Unterhalt und die Erziehung ihres Kindes Gerhard, Franziskus, Johannes. Sie ermöglicht ihm sogar den Besuch der Höheren Schule.

Während seiner Gymnasialzeit engagiert sich der junge Gerhard in der kirchlichen Jugendarbeit und gewinnt so Sicherheit und Führungsstärke. Er erkennt seine Berufung zum Priester.

Nach der Reifeprüfung findet er Aufnahme im Theologenkonvikt im benachbarten Bistum Breslau. Dort studieren die schlesischen Priesteramtskandidaten seiner Heimatdiözese, der Erzdiözese Prag.

Vor den „Höheren Weihen“, dem Subdiakonat und dem Diakonat, ist die zu der Zeit noch notwendige römische Dispens vom Weihehindernis der nicht ehelichen Geburt noch nicht eingetroffen.

Ein Kollege seines Weihejahrgangs aus dem gleichen Heimatort Glatz, Ernst Heinze, schreibt damals: „So konnte unser lieber Hirschfelder nur als Zuschauer die Weihehandlung seines Kurses miterleben; er soll bitterlich geweint haben. Wir alle litten mit ihm.“

In seinen Kreuzweggebeten schreibt Gerhard Hirschfelder später: „Herr, wenn man mir auch die äußere Ehre nimmt, ich bleibe doch Kind Gottes, Kämpfer Gottes, Priester Gottes, das kann mir niemand nehmen.“
Zur Priesterweihe am 31. Januar 1932 im Dom zu Breslau wählt er als Motto seines Primizbildes das Wort „Christus, unser Osterlamm ist geschlachtet, Alleluja.“ Ahnt er, was dieses Wort in seiner ganzen Fülle und Tiefe für ihn bedeuten kann? Denkt er daran, dass dieser Weg der Nachfolge bis zur Hingabe seines Lebens führen kann?
Auf Grund seiner nicht ehelichen Geburt ist es ihm nicht gestattet, in seiner schönen und vertrauten Heimatpfarrkirche St. Maria Himmelfahrt in Glatz die Primiz zu feiern. Darf man die Feier der Primiz in einer Klosterkapelle im Nachbarort deuten als Einübung in schmerzliche Einschränkungen, die ihm bald von außen her auferlegt werden?
Als Kaplan in Tscherbeney/ Grenzeck und später in Habelschwerdt gewinnt er als eifriger und beliebter Seelsorger vor allem die Kinder und
Jugendlichen. Jungen und Mädchen kommen lieber zu seinen Gruppenstunden als zu den nationalsozialistischen Jugendverbänden.

Er gerät so schnell ins Visier der Gestapo und wird als staatsgefährdend eingestuft.

Er wird überfallen, muss Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen und wird bespitzelt. Er wird häufig vernommen, und es wird ihm angedroht, er werde bei weiteren Verstößen gegen die Auflagen abgeholt.

Als Jugendliche ihn warnen, sagt er: „Kinder, ich kann nicht anders, wenn ich sehe, was sich gegen die Kirche und gegen die Menschenwürde tut, ich muss es von Herzen los werden.“

Eines Tages demolieren Mitglieder Hitlerjugend einen barocken Sandsteinbildstock mit dem Bildnis der Krönung Mariens. Sie schießen dem Christusbild auf dem Bildstock beide Augen aus, schlagen den Relieffiguren die Köpfe ab und stoßen dann den Bildstock um.

Am Sonntag danach, am 27. Juli 1941, geht Gerhard Hirschfelder im Rahmen der Eucharistiefeier zur Predigt auf die Kanzel. Er nimmt Bezug auf das Ereignis, und sagt: „Wer der Jugend den Glauben an Christus aus dem Herzen reißt, ist ein Verbrecher.”

Daraufhin wird Kaplan Hirschfelder am Abend des 1. August 1941 während einer Jugendglaubensstunde durch die Gestapo verhaftet und abgeholt: „Mädels, geht nach Hause“, sagt er zu den Versammelten und zu einem der Mädchen: „Bete für mich.“

Er erhält im Gefängnis in Glatz die „Gefangenenbuchnummer 269/41“. Nach viereinhalb Monaten ohne Verhör wird er am 15. 12. 1941 zum Konzentrationslager Dachau gebracht.

Er wird zur Arbeit herangezogen. Auf einer Obstplantage tut Dienst als Hilfskapo. Auch dort im KZ bleibt er Priester für andere. Sein Leiden soll andere in ihrem Leid stärken. Auch als Gefangener versteht er sich als Werkzeug in der Hand Gottes. „Ich opferte alles für Euch auf,“ schreibt er Verwandten und lässt es Bekannten ausrichten.

Und er schreibt weiter: „Unseren wirklichen seelischen Reichtum kann ja die Welt nicht erkennen. Und so kann der Christ, besonders der Priester, der immer fröhliche Mensch sein, weil Christus, für den wir leben, nicht zu töten ist.“

Von Paratyphus befallen, lässt ihn ein Aufseher zwei Stunden unter der kalten Brause stehen. Sein durch die Strapazen des KZ geschwächter Körper kann sich nicht mehr erholen.

Im letzten Brief schreibt er: „Was ist doch alle Welt gegenüber der Herrlichkeit des Himmels, wo es kein Leid, nur Liebe ohne Hass gibt. So wollen wir halt Gottes Willen abwarten und ein starkes ´Ja´ dazu sprechen. Er wird es schon gut machen.“

Gerhard Hirschfelder bricht zusammen, meldet sich krank und stirbt am 1. August 1942.

Sein Grab auf dem Friedhof unmittelbar an der Kirchenmauer in Tscherbeney ist ein Ort des Friedens und der Versöhnung vor allem zwischen Polen, Tschechen und Deutschen.

So trägt ein mutiger Kaplan aus der schlesischen Grafschaft Glatz, ungeachtet seiner kurzen Lebenszeit, weit über seinen Tod hinaus zu Verständigung und Versöhnung zwischen Menschen unterschiedlicher Staaten bei und wird zum Brückenbauer zwischen den Völkern.

 

Text

Im Gefängnis schreibt Gerhard Hirschfelder noch heute sehr bedenkenswerte Gedanken nieder zum Priesterbild nach Paulus. Besonders beeindruckend sind auch seine Gedanken und Gebete zu einem Kreuzweg. In der Einleitung zu dem Kreuzweg findet sich das Gebet:

 

„Christus, mein Heiland! Ehe Dein Leiden begann, gingst Du mit Deinen Aposteln auf den Ölberg. Doch Zeugen Deines Leidens sollten nur drei von ihnen sein. Drei Worte sprachst Du zu ihnen: ,,Bleibet hier! Wachet! Betet!“ Auch ich bin augenblicklich von Dir auserwählt zu leiden. Herr, ich danke Dir dafür. Weil es Dein Wille ist, will ich am Orte des Leidens bleiben, solange du willst. Wachen will ich als treuer Wächter mit starker Tapferkeit, beten will ich mit Dir: ,,Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“ Zu dieser Aufgabe als Wächter will ich mir Kraft holen in Deinem Kreuzweg. Herr, stärke mich und alle Kreuzträger mit Deiner Tapferkeit!“

 

Gebet:

Guter Gott, du hast uns deine Schöpfung geschenkt und jedem seinen Auftrag für diese Welt gegeben. Du hast Gerhard Hirschfelder zum Priester in deiner Kirche berufen. Er hat deine Liebe und Hingabe unter den Menschen verkündet und gelebt. In der Nachfolge deines Sohnes fand er die Kraft, seinen Glauben zu bekennen und in menschlicher Ohnmacht priesterlich für andere zu leben und zu wirken. Auf seine Fürbitte bleibe auch uns nahe und verbinde uns mit deinem Sohn Jesus Christus, der mit dir lebt und uns liebt in Ewigkeit.

 

Zitate

Zu einem frohen Christenoptimismus können wir wohl nur kommen, wenn alle anderen Tugenden, besonders das Gottvertrauen geübt werden. Man denkt, man nehme uns alles, wenn man uns irdische Besitztümer raubt, aber gerade damit erwerben wir uns ja den größten Reichtum. Und so kann der Christ, besonders der Priester, der immer fröhliche Mensch sein, weil Christus, für den wir leben, nicht zu töten ist.

 

Wer der Jugend den Glauben an Christus aus dem Herzen reißt, ist ein Verbrecher.

– wegen dieser Aussage in seiner Predigt am 27.07.1941 wurde Gerhard Hirschfelder verhaftet

 

Nicht die Leiden und nicht die Misshandlungen der Welt, die uns hasst, dürfen wir scheuen, nicht den äußeren Misserfolg, nicht die Mühe der Kleinarbeit an jedem Einzelnen, wie es ein Vater mit seinen Kindern tut.

 

Der hl.Paulus hat das schöne Wort geprägt, wir müssen allen alles werden. Wir dürfen den Menschen weder Herz noch Hand verschließen, unsere Augen müssen stets voll Liebe blicken, auch wenn unsere Sorgen übergroß sind, jeden mit derselben Freundlichkeit,ja wie ein Vater, wie eine Mutter müssen wir den ersten wie den letzten aufnehmen.

 

Auch ich bin augenblicklich von Dir auserwählt zu leiden. Herr ich danke dir dafür.

 

Nichts dürfen wir scheuen, selbst das eigene Opfer des Lebens nicht.

 

Herr, wenn man mir auch meine äußere Ehre nimmt, ich bleibe doch Kind Gottes, Kämpfer Gottes, Priester Gottes, das kann mir niemand nehmen. Lass mich dessen froh bleiben in allem Leid.

 

Heiland, lass es mich stets als Trost empfinden, dass hinter jedem Leid wieder die Freude kommt, hinter jeder Demütigung die Erhöhung.

 

Christus sagt: Folgt mir! Zuerst mag das leicht sein, aber irgendwann kommt doch das Kreuz. Wenn wir ihm bis dahin gefolgt sind, haben wir auch die Gewissheit, dass er uns zur ewigen Freude mit nimmt.

 

Unseren wirklichen seelischen Reichtum kann ja die Welt nicht erkennen.. und so kann der Christ, besonders der Priester, der immer fröhlichste Mensch sein, weil Christus, für den wir leben, nicht zu töten ist.

 

Gott verlässt mich nicht, des bin ich sicher. Ich werde immer versuchen meine Pflicht getreu zu erfüllen, so werde ich die schwere Zeit überstehen.

– Brief aus dem Gefängnis Glaz vom 14.12.1941.

 

Lasst uns immer wieder aufs Neue unser „Ja Vater“ sprechen, wenn es auch manchmal schwer ist….Aber all das sind immer kleine Übungsstunden, um reifer zu werden für alles, was Gott von uns fordert…

– Brief aus dem KZ Dachau vom 12.02.42.

 

Gott lenkt schon unser Leben zu unserem Besten, unser Gebet hilft.“  „Als Gottes Kinder stehen wir alle in seiner Hut.

– Brief aus dem KZ Dachau vom 28.06.1942

 

So wünsche ich Dir von Herzen die Kraft, die ich selbst schöpfe aus dem Vertrauen auf Gottes Vorsehung. Ich vertraue auf die göttliche Vorsehung, die uns täglich ihre Hilfe zeigt, wenn man sich ihr anvertraut. Damit wollen wir in die Zukunft schauen. Als Gottes Priester ist uns seine größte Liebe sicher.

– letzter Brief aus dem KZ Dachau vom 26.07.1942

 

So wollen wir halt Gottes Willen abwarten und ein starkes Ja dazu sprechen. Er wird es schon gut machen und unser Opfer lohnen…die Sehnsucht nach der Ewigkeit soll wohl mehr und mehr wachsen.

 

Was ist auch alle Welt gegenüber der Herrlichkeit des Himmels, wo es kein Leid, nur Liebe ohne Hass gibt. Wie tröstet uns doch damit unsere heilige Religion in so schweren Zeiten wie dieser Krieg mit dem Glauben ans Jenseits….So wünsche ich dir von Herzen die Kraft, die ich schöpfe aus dem Vertrauen auf Gottes Vorsehung. Damit wollen wir in die Zukunft schauen. Als Gottes Priester ist uns seine größte Liebe sicher.

Der ganze des Text des Kreuzweges, verfasst von Gerhard Hirschfelder in Einzelhaft, ist in 3 Sprachen nachzulesen: Link

weiter Zitate unter Link

Die wörtlichen Zitate sind entnommen: weitere Infos unter  Literatur

Franz Jung, Marius Linnenborn (Hg), Gerhard Hirschfelder, Ein Seliger für unsere Zeit, Hoffnungsträger, Mutmacher, Brückenbauer, Dialogverlag, Münster 2011

Hugo Goeke, Gerhard Hirschfelder, Priester und Märtyrer, Dialogverlag, 2.Auflage, Münster 2011

Barbara Franke, Johannes Hoffmann, Hans Melchers, Kaplan Gerhard Hirschfelder, ein Märtyrer aus der Grafschaft Glatz, gest. 01.August 1942 im KZ Dachau. HrsG von Großdechant Franz Jung, SelbstverlagMünster 1989

 

Prof. Dr. Hugo Goeke stellte uns dankenswerterweise noch  weitere Texte über Gerhard Hirschfelder zur Verfügung:

Predigt in der Eucharistiefeier in Habelschwerdt am 12. 10. 2010

 

Verehrte, liebe Wallfahrer,

liebe Beter an diesem Ort, an dem Gerhard Hirschfelder seine letzte Predigt gehalten hat,

lieber möchte ich an diesem Ort eine lange Zeit schweigend verharren als zu predigen. Ich möchte im Schweigen Gesten, Worte und Stimme von Gerhard Hirschfelder in mir lebendig werden zu lassen.

Hier schritt Kaplan Hirschfelder am Sonntag, dem 27. Juli 1941, nach dem Vortrag des Evangeliums zur Kanzel, um mit Freimut Christi Botschaft zu verkünden und mit deutlichen Worten – angesichts einer auf Initiative der Nazis voraus gegangenen Schändung eines religiösen Bildstocks – jene zu tadeln, die den christlichen Glaubensweg junger Menschen einzuschränken oder zu behindern versuchten.

Für solche Augenblicke braucht man nicht den Rat anderer Menschen. In solchen Augenblicken ist man allein auf sich gestellt. Und es schwinden alle Besorgnisse um die eigene Zukunft.

Auch Gerhard Hirschfelder braucht vor fast siebzig Jahren hier an diesem Ort nur die Übereinstimmung mit sich selbst, mit seinem eigenen Gewissen und mit seinem Gott in der Tiefe des eigenen Herzens. So ist er – wie vielleicht nie sonst in seinem Leben – ganz bei sich selbst, ja er wächst über sich hinaus und gewinnt menschliche und christliche Größe, an der sich nachfolgende Generationen messen können und messen müssen.

Den jungen Kaplan Gerhard Hirschfelder stelle ich mir jetzt vor. Er hat zu Beginn seiner Predigt die Gemeinde im Blick. Er sieht die vielen jungen Menschen, deren Herz für Christus schlägt. Und aus der eigenen Begeisterung für Christus spricht er zu den Menschen. Dann hallt durch den Kirchenraum der warnende und anklagende Kernsatz: „Wer der Jugend den Glauben an Christus aus dem Herzen reißt, der ist ein Verbrecher!“

Wir können die Stille erahnen, die den Kirchenraum erfüllt. Wir sehen die gelösten Gesichter derer, die Zustimmung bekunden und die bedenklichen Gesichter derer, die das verbrecherische Vorgehen der Nationalsozialisten noch nicht durchschaut haben.

Wir sehen die Gesichter derer, die sich Sorgen machen um den mutigen Kaplan und die versteinerten Gesichter derer, die sich angesprochen fühlen und die seinen Weg durchkreuzen werden.

Bisher konnte Gerhard Hirschfelder in seinem jungen und zupackenden Leben viel versetzten. Während der Schul- und Studienzeit blieb sein Leben nicht ohne Einfluss auf andere junge Menschen. Als engagierter Priester konnte er seine seelsorglichen Ideen und Pläne umsetzen. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen war er ein aufmerksamer und zugewandter Begleiter. Er lud die Jugendlichen ein zu Gruppenstunden und Wallfahrten.

Als Diözesanjugendseelsorger gewann er eine ungewöhnlich große Zahl Jugendlicher für Christus.

Er war Herr über sich selbst, und er war Herr im eigenen Hause seines priesterlichen Lebens und Dienstes.

In einem Augenblick ändert sich sein gesamtes Leben. Kontakte werden abgebrochen. Grausam der Augenblick, als der Kaplan aus der Runde der versammelten Mädchen abgeführt wird.

Ein letzter Blick in die Wohnung, und dann hat er kein Zuhause mehr. Seine Bleibe ist  das Gefängnis.

Alles, was Gerhard Hirschfelder besitzt, muss er zurücklassen. Selbst das, was er am Körper trägt, verbleibt ihm nur noch wenige Monate während seiner Zeit im Gefängnis in Glatz. Und dann muss er auch das bei der Einlieferung ins Konzentrationslager Dachau gegen die Sträflingskleidung tauschen.

Priesterlichen Freunden verschlägt es die Sprache, als sie ihn noch einmal sehen auf dem Weg zum Bahnhof zum Abtransport ins Konzentrationslager. Ein Händedruck im Vorbeigehen und ein letzter Blick versinken im Schmerz des Abschieds.

Ein freier Mensch, der sein Leben bisher selbst in die Hand genommen hat, wird den Händen anderer ausgeliefert. Ein freier Mensch wird ein Gefangener.

Genau hier ist der Punkt, an dem viele Menschen das Leben mit ihm teilen und an dem er das Leben mit vielen Menschen teilt.

Zunächst verliert Gerhard Hirschfelder: Seine Mutter schon vor längerer Zeit, seine Verwandten, seine Mitbrüder, die Menschen in der Gemeinde, sein Zuhause. Sein Ansehen und seine Persönlichkeit sucht man zu zerstören.

Gelingt es ihm auch zu gewinnen? Ja, und das ist der Grund, warum wir das Andenken an ihn wachhalten.

Gerade im Verlieren gewinnt er. Er reift und gewinnt sich selbst. Er lebt nicht mehr mit etwas, nicht mit kraftstrotzender Gesundheit, nicht mit den bisher ihm Vertrauten, nicht mit Besitz und Freiheit.

In reifem und reinem Menschsein und ganz in der Nachfolge Jesu lebt und leidet er von jetzt an für andere. Er lebt und leidet für seine Mitgefangenen, für die Menschen, die ihm seelsorglich anvertraut waren, für die Erstkommunionkinder in den Gemeinden, für die Kranken und für alle Menschen, für die er Priester geworden ist.

Sein priesterliches Wirken bricht nicht ab, er entdeckt eine neue verborgene Weise priesterlichen Wirkens für die Menschen.

Die Wende des Lebens, die sich für Gerhard Hirschfelder hier an diesem Ort vollzieht, erleben zu allen Zeiten Menschen auf je ihre Weise.

Bei einem ist es die Wende von der Gesundheit zur Krankheit, bei einem anderen ist es die Wende von der eigenen Wohnung in das Pflegeheim. Wieder ein anderer erlebt die Wende des Lebens, wenn der Partner andere Wege geht oder der Tod die Partnerin von seiner Seite nimmt.

Von einer solchen Wende an erleiden manche Menschen nur noch ihr Leben.

Gerade das macht Gerhard Hirschfelder nicht. Er nimmt vielmehr seine Gefangenschaft an, und selbst in dieser Gefangenschaft gelingt es ihm, sein Leben sinnvoll und fruchtbar zu leben.

Wenn Sie mich fragen, worin ich die eigentliche Größe von Gerhard Hirschfelder sehe, würde ich antworten: Man nimmt ihm alles, aber er bewahrt seine Würde. Indem er gibt, was man ihm nimmt, reift er geradezu zu menschlicher und christlicher Größe. Das findet Ausdruck darin, dass er seine Zeit im Gefängnis und im Konzentrationslager nicht als eine verlorene Zeit ansieht. Auch diese Zeit ist für ihn gefüllt, erfüllt von segensreichem Leben und Leiden für andere. So reift sein menschliches Leben und Leiden zu höchster Vollendung. Und er erliegt nicht sinnlosem Leben und Sterben.

Gerhard Hirschfelders geschundener Leib ist Ausdruck für seine Bereitschaft, den Kreuzweg seines Lebens für andere bis zum Ende zu gehen.

So kann sein Kreuzweg zum Erlösungsweg werden für Menschen, die sich an ihm aufrichten. Wer wie Gerhard Hirschfelder seinen Leidensweg annimmt und den leidenden Jesus an seiner Seite weiß, der mag in seinem Leid Erlösungsspuren entdecken, die ihn ermutigen, den Weg zuversichtlich und tatkräftig bis zum Ende zu gehen. So möge unser menschlicher Lebensweg immer auch ein wenig von einem „Hirschfelder-Weg“ an sich haben.

 

Vortrag von Hugo Goeke auf Einladung von Bischof Dec für die Priester, Mitarbeiter/innen und Gäste des polnischen Bistums Swidnica (Schweidnitz) in Glatz am 22. September 2011. 

Thema: Gesellschaftliche Implikationen des Lebens und der Tätigkeit des Seligen Kaplans Gerhard Hirschfelder (hier anklicken)

 

Leben, Wirken, Leiden und Sterben des Seligen Kaplans Gerhard Hirschfelder enthalten eine Fülle von persönlichen, für das individuelle Leben wertvolle  Implikationen, die den Gläubigen unserer Zeit und vor allen heutigen jungen Priestern Lebens- und Glaubensperspektiven bieten könnten. Über die würde ich auch gern reden.

Aber Sie haben gezielt nach gesellschaftlichen Implikationen gefragt. Daher will ich mich auf diese beschränken. Und aus der Fülle gesellschaftlicher Implikationen möchte ich vier auswählen, um Sie anzuregen, selber nach weiteren zu suchen.

1.     Eine erste Implikation ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Feld, in dem Gerhard Hirschfelder gezeugt und geboren wird, und in dem er aufwächst. Eine junge, unverheiratete Frau bringt ein Kind zur Welt, ernährt und erzieht es. Der Vater bekennt sich weder in der Familie und in der Verwandtschaft noch in der Öffentlichkeit zu seinem Kind. Auch von einer Unterstützung ist nichts bekannt. Der Junge findet seinen Weg.

 

1.1  Eine ledige Mutter

In Glatz wird am 13. Dezember 1881 – also im Dezember dieses Jahres vor 130 Jahren – Maria Hirschfelder geboren. Am 17. Februar 1907 schenkt sie als ledige Mutter einem Kind das Leben. Sie ist 25 Jahre alt. Das Kind wird getauft auf die Namen Gerhard, Franziskus, Johannes.

Die junge Frau Maria Hirschfelder ist Gerede und Diskriminierung ausgesetzt. Sie steht zu ihrem Kind. Durch berufliche Tätigkeit erwirbt sie Einkommen für sich und für das Kind. So macht sie eine Ausbildung zur Modeschneiderin. Nachbarn und Bekannte stehen ihr zur Seite. Sie laden den Jungen zu Mahlzeiten ein.

Die alleinerziehende Mutter ermöglicht ihrem Kind den Besuch der Höheren Schule. So geht der Junge Gerhard nach Beendung des 1. Weltkriegs im Jahre 1919 zum Staatlichen katholischen Gymnasium seiner Heimatstadt Glatz.

Im gleichen Monat, in dem Gerhard Hirschfelder von seiner ersten Kaplanstelle in Tscherbeney nach Habelschwerdt wechselt, fällt der tragische Tod seiner Mutter am 16. Februar 1939. Sie nimmt sich in der Neisse das Leben.

Im Nachlass des Kaplans finden sich heute nicht mehr erhaltene letzte Briefe der Mutter. „Der Inhalt ist sehr verworren, sie zittert geradezu in Angst um den Sohn“, so berichtet der damalige Pfarrer Langer.

Haben Sorgen und Nöte die alleinerziehende Mutter erdrückt? Hat sie unter Missachtung oder unter verweigerter Anerkennung gelitten? Haben unüberwindliches Leid und Angst um den Sohn sie in den Tod getrieben?

 

1.2 Der uneheliche Sohn

Er findet seine Lebenschance mit Hilfe der Mutter, die ihm den Weg zum Gymnasium ermöglicht. Er gewinnt menschliche Reife in der kirchlichen Jugendbewegung „Quickborn.“ Und er kann seiner Berufung zum Priester folgen, indem die Kirche über ihren Schatten springt und ihm Dispens erteilt vom Weihehindernis der unehelichen Geburt.

Der Tod der Mutter muss große Betroffenheit bei dem Sohn ausgelöst haben. Die Verbindung zu seiner Mutter war sehr innig, wie aus späteren Briefen an Verwandte hervorgeht. Gerhard verliert seine familiäre Geborgenheit. Er versinkt jedoch nicht in untröstliche Trauer. Er findet Halt in seinem christlichen Glauben. Dass seine Mutter kirchlich beerdigt wird, mag ihm auch ein wenig Trost und Hoffnung gegeben haben.

Am Tag vor seinem Abtransport vom Gefängnis in Glatz in das Konzentrationslager Dachau, am 14. Dezember 1941, schreibt er an seine Cousine Maria: „Gestern am Geburtstag meiner lieben Mutter habe ich ihr statt des hl. Messopfers mein Tagesopfer geschenkt. Ich glaube ganz fest, dass uns unsre lieben Verstorbenen nicht verlassen. Aber es ist recht gut, dass Mutter jetzt die Angst um mich nicht mitzuerleben braucht. Vom Gesichtspunkt der Ewigkeit her sieht ja alles irdische Leid ganz anders aus. So versuche ich auch mit meinem Lose fertig zu werden und es christlich zu tragen.“

Dieser Hinweis zeigt, wie Gerhard Hirschfelder spirituell sein Leid verarbeitet. Er erträgt es nicht im stillen Dulden, sondern er aktiviert seine geistigen und geistlichen Kräfte, indem er „für“ die Mutter die Lasten des Tages erträgt. So verleiht er dem stumpfen Tag Sinn und bewältigt ihn.

 

1.3 Der leibliche Vater

Der leibliche Vater von Gerhard Hirschfelder ist Oswald Wolff. Er ist ein wohlhabender Kaufmann in Glatz. Neben einem Lebensmittelgeschäft besitzt er noch zwei weitere Geschäfte. So sagte es mir die letzte seiner heute noch lebenden Schwiegertöchter am Tag der Seligsprechung von Gerhard Hirschfelder in Münster bei einer eindrucksvollen Begegnung.

Gut acht Monate nach der Geburt von Gerhard Hirschfelder heiratet der leibliche Vater. Das Ehepaar Wolff bekommt zwei Töchter und drei Söhne. Oswald Wolff stirbt im Jahr 1963 und seine Frau Olga im Jahr 1965.

Es tauchen viele Fragen auf. Haben der Vater Oswald Wolff und seine Frau Olga den Weg von Gerhard Hirschfelder mitverfolgt? Wie wird ihnen zumute gewesen sein, als sie von seiner Entscheidung hören, dass er Priester werden möchte? Was mag in ihnen vorgegangen sein an den Tagen seiner Priesterweihe und Primiz? Haben sie vielleicht selbst an den Feierlichkeiten teilgenommen? Wie wird es sie getroffen haben, als sie vom seinem Tod im Konzentrationslager Dachau hören? Ist der Vater vielleicht dabei gewesen, als die Urne mit seiner Asche auf dem Friedhof in Grenzeck beigesetzt wird?

Nach Auskunft seiner heute noch lebenden Schwiegertochter war ihr Schwiegervater ein sehr gestrenger Mann. Ihre Schwiegermutter hat sie informiert über einen unehelichen Sohn ihres Schwiegervaters. Dieser sei Priester geworden und im Zweiten Weltkrieg gefallen. In der Familie durfte nicht über das uneheliche Kind gesprochen werden. Selbst ihr Mann erlaubte ihr nicht, mit ihm darüber zu reden. Erst im Rahmen des Seligsprechungsprozess hat sie vom Weg des unehelichen Kindes ihres Schwiegervaters erfahren.

Da Oswald Wolff in Glatz ein bekannter Kaufmann ist, ist zu vermuten, dass Gerhard ihn gekannt hat. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise darauf, ob er wusste, dass er sein leiblicher Vater ist.

 

1.4  Gerhard Hirschfelders Anfrage an Kirche und Gesellschaft heute

Im Hinblick auf die Mutter

Der Mut einer ledigen Frau, ihrem Kind das Leben zu schenken verdient Anerkennung und Respekt. Eine alleinerziehende Mutter, die zu ihrem Kind steht, braucht Anerkennung und Unterstützung. Mütterliche und berufliche Erfüllung erleichtern ihr das Leben. Das menschliche Umfeld kann Leben oder Tod eines Menschen bedeuten.

 

Im Hinblick auf das Kind

Jedes einzelne Kind dieser Erde bedarf der Aufmerksamkeit. Es braucht Starthilfe ins Leben in Ernährung, Erziehung und Ausbildung. Kinder müssen die Erfahrung machen, dass sie erwünscht sind. Nicht allein eine intakte Familie vermittelt dieses positive Lebensgefühl. Entscheidend ist auch eine kinderfreundliche Gesellschaft.

Doch alle menschliche, soziale und caritative Hilfe darf nicht die Eigenkräfte des Klienten überdecken oder lähmen. Sie muss immer der Ermutigung dienen, die eigenen Kräfte des Klienten zur Entfaltung zu bringen. Gerhard Hirschfelder ist ein Musterbeispiel für den Menschen, der Hilfe annimmt und gleichzeitig seine eigenen Kräfte zielgerichtet zur Entfaltung bringt.

 

Im Hinblick auf den Vater

Beim leiblichen Vater ist zu fragen, ob traditionelle und religiös-kirchliche Vorstellungen von Ehe und Familie, ihm verwehrt haben, sich zu dem unehelichen Kind zu bekennen und es zu unterstützen.

Natürlich bleiben Ehe und Familie die unersetzbaren Grundlagen der Gesellschaft. Wer auch immer diesen Vorstellungen nicht entspricht und guten willens ist, der braucht Respekt, der ihm Leben in Würde ermöglicht. Jeder lädt in seinem Leben und in seinem Tun Verantwortung auf sich, der er sich zu stellen hat. Aber auch der Schuldige braucht eine neue Lebenschance.

 

1.5 Überlegung

Es folgt gleich eine Runde zum Thema: „Der selige Gerhard – Patron neuer sozial-religiöser Werke im Glatzer Land“.

Wäre Gerhard Hirschfelder nicht ein guter Patron für Alleinerziehende, für Kinder, die ohne intakte Familie aufwachsen, für Menschen, die unter Familienschicksalen leiden?

Vielleicht sind defizitäre Kindheits- und Familienerfahrungen von Gerhard Hirschfelder mit ein Grund, dass er sich als Kaplan und Jugendseelsorger gerade Kindern und Jugendlichen zuwendet.

 

2.     Eine zweite Implikation ergibt sich aus der landschaftlichen und geschichtlichen Lebenswelt, in die Gerhard Hirschfelder hineinwächst und in der er lebt.

 

2.1 Die Landschaft

Das Glatzer Land ist von vielfältiger Schönheit. Gestaltende Hände vorheriger Bewohner haben Zeugnisse ihres handwerklichen, wirtschaftlichen, künstlerischen und kulturellen Wirkens hinterlassen. Landwirtschaft und Industrie mit Holz und Kohle haben den Menschen dieses Landes ein gesichertes Einkommen ermöglicht. Bäder laden ein zu Kur und Erholung. Wallfahrtsorte führen die Menschen im Glauben zusammen.

Gerhard Hirschfelder ist durch diese Landschaft und ihr Brauchtum geprägt. Er hat dieses Land geliebt. Schon als Schüler vertieft sich seine Liebe zu seiner  natürlichen Umwelt in der nach dem Zweiten Weltkrieg aufblühenden Jugendbewegung „Quickborn.

Die Bezeichnung Quickborn – ursprünglich der Titel einer damals sehr bekannten, im Jahr 1852 erschienenen, plattdeutschen Gedichtsammlung des niederdeutschen Lyrikers und Schriftsellers Klaus Groth (1819 –1899) – bringt das Lebendige, Sprudelnde eines Brunnens

zum Ausdruck. So ist der Name Symbol für „das Empordrängen und Ausströmen echten, starken Jugendgeistes und Jugendlebens.“ Quickborn ist eine moderne, der Schöpfung und dem Menschen zugewandte Organisation. Ausflüge in das heimatliche Land verstärken die Verbundenheit mit der Natur und wecken die Liebe zur Heimat. Die Verbundenheit mit der Natur und den Menschen seiner Heimat begleiten Gerhard Hirschfelder bis zu seinem schmerzlichen Ende im Konzentrationslager.

 

2.2            Die Geschichte

Vorfahren Gerhard Hirschfelders u. a. aus dem Frankenland und aus Thüringen haben das Land besiedelt und Landflächen nutzbar gemacht. Daran erinnern ihn Städte- und Familiennamen wie „Frankenstein“ und „Franke“.

Bereits Mitte des 9. Jahrhunderts wird das Land christianisiert und gehört zu dem von Bonifatius im Jahr 739 gegründeten Bistum Regensburg. Eine erste christliche Kirche und eine dazugehörige Gemeinde in Glatz gibt es bereits um das Jahr 995.

Der Name „Grafschaft Glatz“ entsteht, als im Jahr 1459 Georg von Podiebrad (1420 – 1471) zum König von Böhmen gewählt wird. Er überträgt seinem Sohn Heinrich das Glatzer Gebiet. Dieser nimmt in Glatz seinen Wohnsitz, macht den Ort zur Hauptstadt und baut die Burg um zu einem Schloss.

Im Jahr 1597 kommen die ersten Jesuiten in die Grafschaft. Im Frieden von Breslau im Jahr 1742 kommt Schlesien mit der Grafschaft Glatz erstmals zu Preußen. Der Nationalsozialismus sucht konsequent das katholische religiös-kirchliche Leben zu unterdrücken.

Im Jahr 1946 müssen die Bewohner der Grafschaft Glatz und der übrigen deutschen Ostgebiete ihre Heimat verlassen. Polnische Bürger und Bürgerinnen aus Ostpolen übernehmen das Land. Orte und Städte erhalten polnische Namen.

Kirchlich gehört die Grafschaft Glatz bis zum Jahr 1972 zum Erzbistum Prag. Nach einer kurzen Zugehörigkeit zum Erzbistum Breslau ist die Grafschaft Glatz seit dem Jahr 2004 Teil des neu gegründeten polnischen Bistums Swidnica.

Die Geschichte dieses Landes ist auch Gerhard Hirschfelders Geschichte. Sie hat seine Lebenslinien mitbestimmt.

 

2.3 Gerhard Hirschfelders Anfrage an Kirche und Gesellschaft heute

Im Hinblick auf das Land

Wer nicht bereits als Kind die Heimat verlässt, bei dem macht auch die Landschaft mit all ihren Ausfächerungen in Natur, Brauchtum, Handwerk und Kunst, ja, da machen auch der Himmel und der Boden einen großen Anteil seiner Persönlichkeit aus. Einen heimischen Lebensort zu haben, gehört zu den Ursehnsüchten des Menschen und zu seinen Rechtsansprüchen. Der Verlust des Landes schmerzt. Der Mensch verliert einen Teil seines Selbst.

Und die Übernahme eines Landes erfordert ein Hineinwachsen in den neuen Lebensort mit all den Anfangsschwierigkeiten, bis das neue Land zur Heimat wird.

 

Im Hinblick auf die Geschichte

Auch die Geschichte eines Landes gehört zur Lebensgeschichte jedes Einzelnen. Trennung von der Geschichte bedeutet Amputation der eigenen Lebensgeschichte.

Neubürger eines Landes dagegen beginnen immer eine neue Lebensgeschichte. Sie treten aber auch immer in Verbindung mit der Geschichte, die sich in ihrem neuen Lebensraum abgespielt hat.

 

2.4 Überlegung

Gewaltsame Auseinandersetzungen um den Lebensort sind tabu. Gerhard Hirschfelder hat immer seinen Lebensort geteilt. In der Seelsorge lebt er mit Menschen verschiedenen Standes und verschiedener Herkunft. Im Gefängnis und im Konzentrationslager teilt er sein Leben mit Menschen, die ihm von allerorten und mit je eigener Geschichte auf den Weg geschickt werden.

Sollten nicht im Lande Hirschfelders menschliches Miteinander und Versöhnung darin zu finden sein, dass sich alte und neue Bewohner dem Land und seiner Geschichte verbunden fühlen? Sie sind verbunden in der Erinnerung, in der Begegnung und in der Gastfreundschaft. Sie sind verbunden in der Liebe zum Land und seiner Geschichte, in der Pflege des Landes und in der Bewahrung seiner Geschichte. Jeder hütet das, was nicht nur ihm, sondern was auch dem anderen wertvoll ist. Jeder kann sich darum bemühen, heimatliche Verbundenheit miteinander zu spüren; denn unser aller wahre „Heimat aber ist im Himmel“ (Phil 3:20). Dort werden wir für immer „das Land besitzen“ (Mt 5:5).

Gerhard Hirschfelder könnte Patron sein für Heimatlose und für Heimatsuchende. Er könnte Patron sein für Polen, Tschechen und Deutsche im Hinblick auf Frieden und Versöhnung. Er könnte Patron sein für die Völker Europas, die auf neuen Wegen ihre Einheit suchen und in Verbundenheit zu leben versuchen, damit alle Gast sein können auf dieser Erde. Er könnte Patron sein für eine Neumissionierung vor allem der Jugend Europas.

 

3.     Eine dritte Implikation ergibt sich aus der Glaubens- und Lebensüberzeugung, die in Leben und Tätigkeit von Gerhard Hirschfelder Ausdruck findet.

 

3.1 Der Weg zum Priester

Gerhard Hirschfelder erwirbt sich durch seine Mitarbeit in der Quickbornbewegung Führungsqualitäten. Dazu gehören sicher seine Offenheit für junge Menschen, für Jungen wie für Mädchen, seine Zugewandtheit zur Natur, sein Sinn für Liturgie, seine Geselligkeit und Fröhlichkeit und seine Liebe zur Musik und zur Gitarre. Sein Selbstbewusstsein und seine Führungsstärke dürften in dieser Bewegung Kräftigung und Sicherheit gefunden haben. Als Kurssprecher im Theologenkonvikt in Breslau übernimmt er während des Studiums Verantwortung und setzt sich für seine Kurskollegen ein.

Er weiß sich schon früh zum Priester berufen. So führt ihn sein Weg in das Theologenkonvikt in dem benachbarten Bistum Breslau, in jene Stadt, in der Edith Stein, ebenfalls eine Verfolgte des Naziregimes und eine heiliggesprochene Märtyrin, am 12. Oktober 1891 geboren wurde.

Lange muss er auf die römische Dispens vom Weihehindernis der unehelichen Geburt warten, so dass er nicht mit den Jahrgangskollegen zum Subdiakon und zum Diakon geweiht werden kann. Zusammen mit seinen Studien- und Kurskollegen wird er dann am 31. Januar 1932 im Dom zu Breslau zum Priester geweiht. Auf seinem Primizbild stehen die Worte: „Christus, unser Osterlamm ist geschlachtet, Alleluja.“ Das Motto seines Primizbildes wird ihm Leitwort für sein Leben und für seinen Dienst. Ahnt er, was dieses Wort in seiner ganzen Fülle und Tiefe für ihn bedeuten kann?

Nicht in seinem Heimatort, sondern in der Verbannung, im einem sieben Kilometer entfernten Kloster in Bad Langenau feiert er seine Primiz. Vielleicht ist diese Feier sogar von größerer und tieferer Wahrhaftigkeit erfüllt als jene prachterfüllten Feiern einiger seiner Weihekollegen. Darf man diese Feier auch deuten als unbewusste Einübung in schmerzliche Einschränkungen, die ihm bald von außen her auferlegt werden?

 

3.2 Als Kaplan

Er weiß sich von Gott „an den Platz gestellt“. Dorthin, wo er lebt und wirkt, ist er von Gott berufen und geführt. Das ist der Kern seines priesterlichen Selbstverständnisses. So beginnt er im landschaftlich reizvollen Grenzeck (bis 1938 Tscherbeney, tschechisch) seine priesterliche Tätigkeit. Hat der Kaplan „ohne Vater“ und „ohne Familie“ die nötige Reifung? Hat er als unehelich Geborener Charakterschwächen geerbt?

Nach zwei Jahren schreibt sein Pfarrer an den Generalvikar: „Ich habe noch keinen Kaplan gehabt, der zu vollster Zufriedenheit und zuverlässigster Gewissenhaftigkeit arbeitet wie er. Man kann ihn wie einen Bruder gern haben. Ich bitte, mir diesen Kaplan zu lassen.“

Ein Jahr ist Gerhard Hirschfelder als Priester tätig, als die Nationalsozialisten die Regierung in Deutschland übernehmen. Die neuen Machthaber suchen mit ihrer Idee der Volksgemeinschaft vor allem die Jugendlichen und auch schon die Kinder zu beeinflussen und für sich zu gewinnen. Sie sehen von Anfang an in dem Kaplan einen gefährlichen Konkurrenten. So ist der bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beliebte Priester und Seelsorger den neuen Machthabern schon bald ein Dorn im Auge sein.

Er warnt von Anfang an die gläubigen Christen vor der Gefahr, die durch die braunen Machthaber auf sie zukommt. Er wird nach einem Unterrichtsabend überfallen und dabei übel zugerichtet. „Kinder, ich kann nicht anders, wenn ich sehe, was sich gegen die Kirche und gegen die Menschenwürde tut, ich muss es von Herzen los werden“, sagt er zu Jugendlichen. Gesundheitlich plagen ihn  Herzmuskelschwäche und Störungen der Herzkranzgefäße.

 

3.3 Verfolgt

„Plötzlich und uneingeladen“ kommt eines Tages der Ortsgruppenleiter zu einer Jungmännerversammlung im Zimmer des Kaplans und macht Auflagen. Sodann wird ihm einmal auferlegt, den Gruß „Heil Hitler“ zu sprechen selbst in den intimsten Bereichen der Kirche, im Beicht- und Kommunionunterricht im Kirchenraum. Seine Wohnung wird durchsucht. Vieles wird beschlagnahmt.

Gerhard Hirschfelder reagiert nicht unkontrolliert und emotional. Er bleibt besonnen und nimmt geschickt sein Recht in Anspruch. Er holt sich Hilfe bei den Vorgesetzten.

In seiner zweiten Stelle in der größeren Gemeinde Habelschwerdt ab Februar 1939 wird er bald ernannt zum Diözesanjugendseelsorger.

 Die Auseinandersetzungen spitzen sich zu, zumal sich mehr als 2000 Jugendliche bei großen Wallfahrten versammeln. Die Nationalsozialisten fühlen sich provoziert und ins Abseits gestellt. Daher gehen sie immer heimtückischer vor. Sie provozieren, indem sie einen barocken Sandsteinbildstock auf der Wustungspromenade zerstören.

Jetzt drängt es Gerhard Hirschfelder, in der Öffentlichkeit den Mund aufzutun. Am Sonntag nach der Untat, am 27. Juli 1941, besteigt er im Rahmen der Eucharistiefeier die Kanzel zur Predigt. Er nimmt Bezug auf das Ereignis, das noch viele Gottesdienstbesucher bewegt und sagt unter anderen das Wort: „Wer der Jugend den Glauben an Christus aus dem Herzen reißt, ist ein Verbrecher.” Er bezeichnet die von den Nationalsozialisten betriebene gezielte Entfremdung der Jugend von der Kirche als Verbrechen.

 

3.4 Gefangen

Es kommt, wie es kommen musste. Die in der Jugendarbeit engagierte Ingeborg Schumacher, geb. Alt, berichtet: „Am 1. August 1941 hatten wir im Vereinshaus Jugendstunde. Dann ging plötzlich die Tür auf. Zwei Herren in Zivil traten ein und zeigten Pater Hirschfelder eine Marke. Er sagte nur kurz: `Mädels, geht nach Hause´! Zu einem der Mädchen sagte er noch: `Bete für mich´.“

Etwa fünf oder sechs Mädchen folgen den Männern, die zu Fuß zum Pfarrhaus gehen. Sie verstecken sich in einer der Nischen der Kirche und warten. Dann kommen die beiden Gestapoleute mit Pater Hirschfelder aus dem Pfarrhaus. Er trägt seine Aktentasche bei sich und seinen Mantel über dem Arm. Sie besteigen einen Pkw und fahren davon. Die Mädels sehen ihn nie wieder.

 

3.5 Gerhard Hirschfelders Anfrage an Kirche und Gesellschaft heute

Im Hinblick auf sein Leben und seine Tätigkeit

Die Welt braucht Menschen, die selbst überzeugt sind und andere überzeugen. Jede Überzeugung braucht jedoch einen tragenden Grund. Dieser Grund ist für Gerhard Hirschfelder Jesus Christus. Wenn auch der Lebensweg nicht immer glatt verläuft, der Glaubende weiß: „Gott schreibt auch auf krummen Zeilen grade.“

Menschen mit christlicher Überzeugung braucht die Gesellschaft. Mutiges Eintreten für seine Lebens- und Glaubensüberzeugung ist das Vermächtnis von Gerhard Hirschfelder. Jede menschliche Allmacht, die den Menschen und die Gesellschaft zu manipulieren versucht, braucht den Widerstand mutiger Verfechter eines Lebensgrundes, über den Menschen niemals verfügen dürfen. Lebens- und Glaubensüberzeugung ist niemals billig zu haben. Sie kann den Einsatz des Lebens fordern.

Dabei ist blinder Einsatz verheerend. Besonnenheit und Nüchternheit bringen weiter als rastloser Eifer.

 

3.6 Überlegung

Gerhard Hirschfelder könnte Patron sein der Menschen, die sich in mutiger Auseinandersetzung in Gesellschaft und Politik für eine bessere Welt einsetzen. Seine Besonnenheit und Sachlichkeit sind Vorbild. Seine Einsatzbereitschaft und sein Durchhaltevermögen ermutigen.

4.     Eine vierte Implikation ergibt sich aus Gerhard Hirschfelders Opfergang. Er stirbt mit sich, mit Gott und mit der Welt versöhnt.

 

4.1 Vertrauen im Leiden

Was geht im Gefängnis in Gerhard Hirschfelder vor, dessen Weg so plötzlich durchkreuzt wird? Ohne Verhör bleibt er bis zum 15. Dezember 1941 in Glatz in Gefängnishaft. Briefe werden zurückgehalten mit dem Vermerk: „Eine derart starke Korrespondenz ist unerwünscht.“

Dann erreichen erste Briefe seine Verwandten. „Es sind Eure Nachrichten immer kleine Freudenfunken in der Finsternis, auch – wenn sie manchmal das Herz zuerst noch schwerer machen… Bitte ängstigt Euch nicht, Gott verlässt mich nicht, des bin ich sicher.“ Aus diesen Worten spricht umfassende Versöhnung.

Am „15. Dezember 1941, um 16.30 Uhr wird er nach dem Konzentrationslager Dachau überführt“, so lautet eine Notiz im Glatzer Gefängnis.

Eine letzte Begegnung mit zwei Mitbrüdern auf dem Weg zum Bahnhof. Sie berichten: „Kaplan Hirschfelder hatte nur einen dünnen Mantel an. Es war sehr kalt. Wir reichten ihm für einen kurzen Augenblick die Hand. Ich streifte schnell meine wärmenden Handschuhe von den Händen und gab sie ihm. Er nahm sie dankend an. Seine letzten Worte waren: `Nu  macht`s ock gutt.´“

Er wird untergebracht im Priesterblock in Dachau. Dort ist er die Nummer  28 9 72. Die Priester müssen die mit Suppe gefüllten Kübel zur Essensstelle auszutragen. Als der lange Krieg immer mehr Arbeitskräfte für die Kriegsproduktion erfordert, werden die Priester den Arbeitskommandos zugeteilt.

Sie müssen die umliegenden Felder, die „Plantage“, beackern oder in der „Kiesgrube“ schwere Arbeit verrichten, auch bei Regen und Unwetter. An manchen Tagen stehen sie abends  beim Appell über eine Stunde im Regen. Da ihnen keine Wäsche zum Wechseln geblieben ist, geht es am nächsten Morgen in feuchter Kleidung wieder an die Arbeit.

 

4.2 Auch im Leiden für andere dasein

Gerhard Hirschfelder wird aufgetragen, auf einer Obstplantage den Dienst als „Hilfskapo“ zu übernehmen. Hirschfelder pflanzt sich bei der Feldarbeit in der Nähe der Sträucher auf, und während er uns vor dem `Missbrauch´ dieser Gewächse schützt, hält er die Hände auf dem Rücken und pflückt von den Beeren, was er erreichen kann und gibt sie den Mitgefangenen.

In vierzehntägigen Briefen hält er die Verbindung zu seinen Verwandten in Sackisch und zu Pfarrer Adolf Langer aufrecht. Er tröstet sie, und sie stärken ihn. Die Briefe sind Brücken, die verbinden und aufrichtende Botschaften über den trennenden und unüberwindlichen Graben bringen. „Täglich wohl 100 mal denke ich an Euch“, schreibt er an seinen Mitbruder Pfarrer Adolf Langer:

Ich „opfere alles für Euch auf. Sagt auch allen meinen Wohltätern, dass sie stets in mein Tagewerk eingeschlossen sind.“ Er lebt sein Leben für die „Erstkommunionkinder“, für die „Pfarrgemeinde in Habelschwerdt“. Er macht sich dadurch auch in dieser erzwungenen Lage „für andere, für die Kirche, verfügbar“.

 

4.3 Ohne Verbitterung

Gerhard Hirschfelder verbittert nicht im Lager. So wie er in seiner seelsorglichen Tätigkeit sich den Menschen zuwendet und ihre Sorgen und Anliegen vernimmt, so lässt er auch die Not seiner Mitgefangen an sich herankommen. Auch mit ihnen teilt er sein Leben, seinen Hunger und seine Bedrängnisse.

Gerhard Hirschfelder schreibt: ,,Unseren wirklichen seelischen Reichtum kann ja die Welt nicht erkennen. Und so kann der Christ, besonders der Priester, der immer fröhliche Mensch sein, weil Christus, für den wir leben, nicht zu töten ist… So werden wir auch nie von der Welt verstanden werden; immer wird sie meinen, wir wären besiegt. In Wirklichkeit hat Christus den Sieg errungen.“

Am 2. Juli 1942 schreibt er: „Es ist hier doch immer wieder ein Trost, dass keine Stunde, ob schwer, ob freudig, verloren ist, so kann man der lieben Gemeinde doch noch nutzen, auch wenn man weit entfernt ist.“

 

4.4 Die Hingabe

Am 24. Juli 1942, am zweiten Tage nach seiner Krankmeldung, wird er in das Lagerkrankenrevier verlegt. Dort stirbt er am 1. August 1942. Ein Mitbruder gibt ihm beim Heimgang zu Gott geistlichen Beistand. Leben, Leiden und Misshandlungen im Lager haben ihn völlig erschöpft.

Nüchtern heißt es in dem Totenschein: „Am 1. August 1942 verstarb der 35jährige Priester in Dachau an den Folgen einer Rippenfellentzündung. Die Leiche wurde im dortigen Krematorium eingeäschert und die Asche der Familie des Verstorbenen in Sackisch übersandt.“

Auf dem Totenzettel oberhalb des Fotos von Gerhard Hirschfelder stehen in lateinischer Sprache die Worte aus Psalm 126: „Die in Tränen säen, sie werden ernten in Jubel.”

 

4.5 Über den Tod hinaus

Gerhard Hirschfelder selber hat die Anordnung hinterlassen: „Auf mein Grab wird nur (unterstrichen) ein Holzdenkmal gesetzt. Es trägt das Bild Christi des Priesterkönigs; darunter Kaplan Gerhard Hirschfelder, geb. 17. 2. 1907, geweiht 31. 1. 1932, gest. … Das Bild Christi des Priesterkönigs über seinem Grab ist Zeichen von Einheit und Versöhnung, die Jesus durch sein Leben, Leiden und Sterben den Menschen gebracht hat.

Nach dem Krieg eröffnet ein großes Versöhnungserlebnis den Weg Gerhard Hirschfelders in eine neue Zeit. Es ist die Fortsetzung seines Wirkens über den Tod hinaus.

Im Nachkriegsjahr beziehen polnische Bürger und Bürgerinnen Häuser und Wohnungen der Deutschen. Drei Männer und eine Frau kommen in ein Haus, und sie sehen im Wohnzimmer das Bild von Kaplan Hirschfelder. Vor allem ein Mann wird plötzlich ganz still und nachdenklich. Er sieht sich immer wieder das Bild an und sagt dann: „Der Mann ist ein Heiliger, mit dem war ich im KZ.“

Dann gehen sie und sagen, sie würden am nächsten Tag wiederkommen. Am nächsten Tag kommen sie, geben alle Schlüssel zurück und stecken die polnische Fahne heraus. Damit können die Bewohner vorerst noch in ihrem Haus bleiben.

Menschen, die sich nicht kennen, Menschen verschiedener Nationalität, Menschen vorher verfeindeter Nationen, treffen aufeinander und finden Zugang zueinander.

Sollten nicht solche konkreten Ansätze er Begegnung und Versöhnung an vielen Orten und bei vielen Gelegenheiten aufbrechen, wachsen und sich ausweiten zu einer großen Bewegung?

 

4.6 Gerhard Hirschfelders Anfrage an Kirche und Gesellschaft heute

Im Hinblick auf seinen Opfergang

Ein mit sich, mit Gott und mit der Welt versöhnter Mensch wirkt Versöhnung. Viele Menschen, deren Jugendträume sich nicht erfüllen, verbringen ihr Leben  unversöhnt mit sich, mit Gott und mit der Welt.

Gerhard Hirschfelders Leben wurde durchkreuzt. Er nimmt jedoch immer wieder die neue Situation an und macht sie fruchtbar. Er ist Priester und bleibt es auch in Gefangenschaft und Konzentrationslager. Nur die Art seines Wirkens ändert sich. Gibt er sich als junger Kaplan hin für die Menschen, vor allem für die Jugend in aufreibender aktiver Arbeit, so lebt er in veränderter Lebenssituation durch Ertragen und Annehmen von Hunger, Krankheit, Not und Leid für das Heil anderer Menschen. Keine Minute seines Lebens ist sinnlos. So findet er Versöhnung und wird zum Boten der Versöhnung.

Sein Vorsehungsglaube ist ungebrochen, auch wenn ihm die Wege, auf die Gott ihn führt, undurchschaubar sind. Lange hat er sicher an seine künftige Freilassung geglaubt. Bleibt Gott ihm auch fremd in seinem Vorhaben mit ihm, so überlässt er sich doch ihm ganz. In der Sohnschaft Gottes weiß er sich stets gehalten.

In der berichteten Episode, in der sich Polen und Deutsche in einem Haus begegnen und Versöhnung erleben, wirkt Gerhard Hirschfelder als Versöhnungsgestalt über seinen Tod hinaus. Eine in gemeinsamer Bedrängnis im Konzentrationslager begonnene Versöhnung setzt sich nach dem Kriege fort.

Der Pfarrer von Czermna / Grenzeck,  Romuald Brudnowski formuliert es so: „Kaplan Gerhard Hirschfelder ist ein Deutscher, aber wenn er selig gesprochen wird, gehört er uns allen.“ Insbesondere gehört er den Deutschen und Polen. Der Text in polnischer, deutscher und tschechischer Sprache auf der Grabplatte von Gerhard Hirschfelder ist Zeichen dafür, dass Menschen und Völker lernen müssen, trotz je eigener Sprache sich gegenseitig zu verstehen. Ebenso gehört er den angrenzenden Tschechen. Aber auch allen Europäern gehört er. Denn was zwischen zwei oder drei Völkern geschieht in Europa kann zum wirksamen Signal werden auch für andere Völker. Ein gemeinsames Europa kann Ausdruck dafür sein, dass die Grenzen unserer Heimat sich geweitet haben und dass nationalstaatliche Grenzen uns immer weniger eingrenzen.

Großdechant Franz Jung sagt: „Wir haben den Eindruck, dass Gerhard Hirschfelder für Europa ein Hoffnungsträger sein kann, der die Menschen über nationale Grenzen einen kann, ein Brückenbauer, der den Menschen hilft, auf dem christlichen Weg zueinander zu finden.“ Vollends ein „Land besitzen“ (Mt 5,5) werden wir erst im Himmel.

 

4.7 Überlegung

„Vergebt und versöhnt euch miteinander. Lebt für Frieden und Gerechtigkeit in der ganzen Welt. Entdeckt das Reich Gottes unter euch“. So könnte Gerhard Hirschfelder uns heute auffordern. Und er könnte hinweisen auf Jesus Sirach 22,22: „Hast du den Mund aufgetan gegen den Freund, verzage nicht. Es gibt Versöhnung“ und auf das Wort des Apostels Paulus aus dem zweiten Korintherbrief 5,18: „Alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt hat…und uns das Wort von der Versöhnung aufgetragen hat.“

Der konkrete Weg heißt Austausch, Begegnung und Gastfreundschaft. Zunehmender wirtschaftlicher und kultureller Austausch ermöglicht und fördert Begegnung und Gastfreundschaft. So entsteht Verbundenheit.

Gerhard Hirschfelder könnte Patron sein aller, die sich um Versöhnung und Frieden bemühen. Versöhnungs- und Friedensorganisationen könnte er Kraft und Ermutigung geben.

 

5.     Gerhard Hirschfelders Vermächtnis heute ins Leben bringen

Wem wegen seiner Überzeugung das Leben verwehrt wird, oder wer seiner Überzeugung bis zum Ende treu bleibt, der bleibt in seinen Ideen unsterblich und in seinem Wirken unter den Menschen lebendig und wirksam.

Am 19. September 2010 wurde Gerhard Hirschfelder im Dom zu Münster seliggesprochen, an einer Stelle, nahe am Grab von Clemens August Kardinal von Galen, dem münsterschen Bischof und Widerstandskämpfer, der ebenfalls bereit gewesen wäre, für sein Eintreten für die Freiheit des Glaubens und für die Rechte der Menschen sein Leben hinzugeben.

In der Tat, sie können viele mit ihrem versöhnenden Geist anstecken. Denn in allem erweisen sie sich „als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, unter Schlägen und in Gefängnissen“ (2 Kor 6:4f).

Sie „gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig…, werden verkannt und doch anerkannt…, sind wie Sterbende, und seht“: sie „leben“; sie „werden gezüchtigt und doch nicht getötet“; ihnen „wird Leid zugefügt, und doch sind“ sie „jederzeit fröhlich“; sie „sind arm und machen doch viele reich“ (2 Kor 6:8-10).

 

Literatur: Goeke, Hugo. Gerhard Hirschfelder. Priester und Märtyrer. Ein Lebensbild mit Glaubensimpulsen für heutige Christen. Münster 2010. Dialogverlag. 

weitere Literatur siehe unsere Literaturhinweise

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