Das Wirtschaftssystem der SS

Artikel von Klemens Hogen-Ostlender

Am
Tor des Konzentrationslagers Dachau stand der Spruch „Arbeit macht frei“.  So lautete auch der
Titel eines 1873 erschienenen Romans des deutschnationalen
Schriftstellers Lorenz  Diefenbach. Darin
wird ein notorischer Spieler und Betrüger 
durch geregelte Arbeit geläutert und gebessert. Das entsprach genau der  nationalsozialistischen Propaganda über die
Konzentrationslager. Demnach sollten die Häftlinge dort durch  Arbeit politisch „erzogen“ werden, damit sie,
falls sie „besserungsfähig“ waren, in die nationalsozialistische Gesellschaft
aufgenommen werden könnten. Ein anderes 
Motto war im KZ  auf das Dach des
Hauptgebäudes  gemalt – ein Zitat von
Heinrich Himmler, bei Gründung  des
Lagers Polizeipräsident von München, später Chef der deutschen Polizei  und Reichsführer SS: „Es gibt einen Weg zur Freiheit.  Seine Meilensteine heißen: Gehorsam – Fleiß –
Ehrlichkeit – Ordnung – Sauberkeit – Nüchternheit – Wahrheit – Opfersinn und
Liebe zum Vaterland.“ So zynisch diese Sätze auch sind, so verrät der Spruch am
Tor doch erkennen, dass es im KZ-System nicht boshaft genug war, Menschen
einzusperren, zu erniedrigen und zu quälen. Sie mussten  auch noch Sklavenarbeit leisten, die in
zahllosen Fällen dazu führte, dass sie sich buchstäblich zu Tode schufteten. In
Dachau wurde erprobt, was später in anderen Lagern im großindustriellen Stil
als „Vernichtung durch Arbeit“ vollzogen wurde.

Entstehung
und Aufbau

Dass
gerade in Dachau das „Musterlager“ errichtet wurde, das zum Vorbild für alle
anderen KZ werden sollte, war kein Zufall. Das fast zwei Quadratkilometer große
Gelände einer ehemaligen königlich-bayerischen Pulver- und Munitionsfabrik lag
seit Ende des Ersten Weltkriegs brach. Die meisten Gebäude waren bereits
abgerissen. Heinrich Himmler kannte zudem das Gelände, seit er als gelernter
Landwirt 1922/23 im benachbarten Schleißheim bei der Düngemittelfabrik
Stickstoff-Land GmbH gearbeitet hatte. Bereits fünf Tage nach der
nationalsozialistischen „Machtergreifung“ begannen die Arbeiten zur Einrichtung
des „Muster-Gefangenenlagers“. Sechs Wochen später trafen die ersten Häftlinge
ein. Fünf Jahre lang wurde die wachsende Zahl der Insassen für Instandsetzungen
und Aufbau der Infrastruktur des Lagers eingesetzt. Bereits 1933 entstanden
zahlreiche Handwerksbetriebe, darunter Werkstätten für Schreiner, Schlosser,
Schuster  und Schneider. Ebenfalls schon
früh wurden eine Bäckerei und eine Metzgerei errichtet. Nicht die Einrichtung
des Lagers an sich, sondern diese Schaffung von Lagerbetrieben sorgte bald für
Proteste in der Umgebung. Der Handwerkskammer Oberbayern war vor allem die
Lebensmittelproduktion durch Häftlinge ein Dorn im Auge, hatte sie doch zur Folge,
dass Bäckern und Metzgern außerhalb des Lagers Aufträge verloren gingen.

Sämtliche
Beschwerden blieben erfolglos. Zielstrebig ging der Ausbau des Lagers immer
weiter. Mit der Arbeitskraft der Insassen wurden eine Kaserne für die
SS-Totenkopfverbände, Küchen für SS-Angehörige und -Führer, Kantinen, Bäder,
ein Friseurbetrieb, Wohnräume für ledige SS-Offiziere und  ein Vorratslager für die Ausrüstung für die
gesamte SS geschaffen. 1936/37 entstanden Schweine- und Hühnerställe, eine
Erweiterung des Häftlingslagers, KfZ-Werkstätten, Garagen und Tankstellen, eine
neue Schlosserei, eine Sportanlage nebst Tennis- und Handballplätzen und ein
Krankenrevier für SS-Angehörige mit Schwesternwohnheim, OP-Sälen, Röntgen- und
Zahnstation. 1937 wurden die Baracken des Häftlingslagers komplett abgerissen
und durch neue ersetzt, die bis zum Ende des Krieges genutzt wurden. Die
Häftlinge mussten außerdem Wachtürme und „bessere“ Befestigungsanlagen,
Pferdeställe sowie ein neues Kasino bauen. Der Komfort der SS-Unterkünfte wurde
erhöht. Die Porzellanmanufaktur Allach zog ins Lager ein.

1937
wurde die „Gemeinnützige Wohnungs- und Heimstätten GmbH Dachau“ gegründet. Sie
war nötig, weil der Etat der SS-Totenkopfverbände für das laufende
Wirtschaftsjahr nur Mittel für einen Teil der geplanten Baumaßnahmen vorsah.
Die GmbH war an den Etat nicht gebunden und konnte sich Kredite besorgen.
Außerdem musste sie sich nicht an die bürokratischen Verwaltungsvorschriften
von Staat und NSDAP halten. Im ersten Bauabschnitt am weitläufigen Theodor-Eicke-Platz
entstanden  bis zum März 1938 26
Wohnungen, ein Lebensmittelladen, eine Bäckerei, eine Gastwirtschaft und ein
Postraum. 29 weitere Wohnungen wurden am Theodor-Eicke-Platz und in der „Straße
der SS“ drei Monate später fertig. Theodor Eicke, SS-Obergruppenführer und
General der Waffen-SS, war 1933/34 zweiter Kommandant des Konzentrationslagers
Dachau und danach als Inspekteur der Konzentrationslager maßgeblich am Aufbau
des KZ-Systems beteiligt. Er starb 1943 an der Ostfront, als sein Flugzeug von
russischer Flak abgeschossen wurde. Sechs der 18 Häuser beider Bauschnitte
wurden weitgehend von KZ-Häftlingen errichtet, die übrigen von Privatfirmen.
Die Häftlinge mussten auch den Straßenbau unter menschenunwürdigen Bedingungen
bewerkstelligen. Im dritten Bauabschnitt wurden in der Straße „Am Geisterwald“
im Mai 1939  fünf Gebäude mit 20 weiteren
Wohnungen bezugsfertig. Die wirtschaftlichen Aussichten für die GmbH waren
trotzdem schlecht. Die SS-Angehörigen bezahlten nur geringe Mieten, die
Gesellschaft musste jedoch hohe Zinszahlungen unter anderem an die Sparkasse
Dachau-Indersdorf leisten. Die SS beschloss daher 1939, die gesamte im Eigentum
der GmbH befindliche Wohnanlage wieder an das Reich zu verkaufen. Das gelang
allerdings erst 1942/43.  Die SS-Siedlung
lag außerhalb des ummauerten KZ-Bereiches. Sie war öffentlich zugänglich und
auch in den Stadtplänen verzeichnet .In den 1980er Jahren wurden die alten
Gebäude abgerissen. Die Stadt Dachau ließ den ehemaligen Theodor-Eicke-Platz,
der 1946 in Kreuzplatz (der heutige JF-Kennedyplatz)
umbenannt wurde, mit neuen Wohnhäusern überbauen, die heute bis an die
Außenmauer der KZ-Gedenkstätte reichen. Nur im Nordwesten sind noch Reste alter
Bordsteine des ursprünglichen Platzes erhalten, auf dessen Areal heute auch
eine Straßenmeisterei, ein Kindergarten und ein Sportplatz liegen. Die Straße
der SS heißt heute Straße der KZ-Opfer.

Textilherstellung

Ein
weiterer Schwerpunkt der SS-Wirtschaft von Dachau entwickelte sich aus den
Schneiderwerkstätten des Konzentrationslagers, die schließlich zum Konzern mit
Niederlassungen in mehreren anderen Lagern wurden. Erster
Produktionsschwerpunkt war die Versorgung der stark expandierenden Waffen-SS
mit Uniformen. Auch die  gestreifte
Häftlingskleidung mussten die zu diesem Arbeitskommando eingeteilten
Lagerinsassen anfertigen. Außerdem besserten sie durch Kampfhandlungen
beschädigte Uniformen aus, und im wachsenden Umfang wurde in späteren Jahren
auch  Kleidung von Menschen, die in den
Vernichtungslagern ermordet worden waren, verwertet. Das Bekleidungswerk der
Waffen-SS in Dachau gründete 1940 die „Gesellschaft für Textil- und
Lederverarbeitung mbH“, kurz „Texled“, deren bedeutendste Niederlassung die 20
Hektar umfassenden Textilwerkstätten beim KZ Ravensbrück als Zulieferbetrieb
für Dachau waren. Die Historikerin Sigrid Jacobeit sieht sogar den Einsatz von
weiblichen Häftlingen als billige Arbeitskräfte als maßgeblichen Grund für die
Einrichtung des Konzentrationslagers Ravensbrück an.

Die Texled war einer
der wenigen SS-Betriebe, die profitabel arbeiteten. Im KZ Dachau sollten eine
Schneiderei und eine Schumacherei als „Versuchsbetriebe“ erproben, wie man mit
mehrheitlich ungelernten Häftlingen die Anfertigung von Textilien, vor allem
von Uniformteilen für SS-Verbände, im großen Maßstab organisieren könnte. Die
Erkenntnisse wurden dann in anderen Standorten der Texled, vor allem in
Ravensbrück, umgesetzt. Das Bekleidungswerk in Dachau befasste sich vor allem
mit der Beschaffung von Kleidungsstücken, lagerte sie in riesigen Beständen und
verteilte sie. Wie es in der Produktion zuging, schilderten die Ravensbrücker
Häftlinge Alfredine Nenninger und Dagmar Hajkova nach dem Krieg: „Wer zum
ersten Mal diese große Halle betrat, fühlte sich in eine Art Hölle oder
Irrenanstalt versetzt. Abgesehen vom Lärm der Maschinen und der Stickluft die
einem den Atem nahm (es gab fast keine funktionierende Ventilation) hörte man
an allen Ecken und Enden das Gebrüll der SS-Leute und Aufseherinnen und wurde
Zeuge der unbeschreiblichsten Prügelszenen. An den Nähmaschinen sah man nur
bleiche, angstvoll blickende, rastlos arbeitende Frauen. Je näher der
schlagende SS-Mann kam, umso fahriger und unruhiger wurden diese gequälten
Menschen […] Damit die Frauen ihre Aufgaben erfülle
n konnten, mussten sie jede Sekunde
nutzen. Sie durften sich nicht erlauben, eine unnötige Bewegung zu tun.
Besonders in den frühen [Morgen] Stunden der [Nacht] Sc
hicht  waren
sie so ermüdet, dass
sie kaum die Augen offen halten konnten. Es genügte
jedoch, für eine Minute einzunicken, und die rohe Hand des Aufsehers schlug
gleich den nichtsahnenden Kopf von hinten auf die Spule der Maschine nieder“.
Das ungeschriebene Motto der Betriebe war bereits in der Anfangszeit in Dachau
„Pensum, Pensum“. Ein Beispiel verdeutlicht das. Ursprünglich wurde am
Fließband die Produktion von 120 Tarnjacken pro Zwölf-Stunden-Schicht verlangt.
Schon das war anspruchsvoll. Später sollten 220 Jacken hergestellt werden,
obwohl die Schicht wegen Strommangels auf acht Stunden verkürzt werden
musste.  Pro Stunde wurde also fast die
dreifache Stückzahl verlangt.

Der
vorübergehend im KZ Dachau inhaftierte SPD-Politiker Fritz Ecker notierte nach
seiner Entlassung im Januar 1934 über die Anfangsphase der Textilproduktiom:
„In Dachau hat man Handwerkstätten, die jeden Großbetrieb in den Schatten
stellen.
Von Gefangenen, die
dafür nur miserable Nahrung erhalten, 
werden Zivilanzüge, Uniformen, Knabenkleidung, Wildlederhosen,
Kletterwesten, Breeches-Hosen, neue Drillichanzüge in Massen gefertigt.  In der Schreinerei wurden allein während
meines Lageraufenthaltes  tausende von
Schränken für Militärkasernen hergestellt. Dazu Büroeinrichtungen,
Wohnungsmöbel, sogar neue Brautausstattungen. Monatelang wurde in der
Schreinerei auch an Sonntagen gearbeitet, monatelang dauerte die Arbeitszeit in
zwei Schichten von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts. Als moderne Maschinen
eingetroffen waren, haben die Schreiner von morgens 7 Uhr bis nachts 10 Uhr
arbeiten müssen, unterbrochen nur von einer 
anderthalbstündigen Mittagspause“. 1939 wurden in den Betrieben
durchschnittlich 580 Häftlinge eingesetzt, davon 370 in der Schreinerei, 44 in
der Schlosserei, 140 in der Schneiderei, 16 in der Schusterei und zehn in der
Sattlerei. Die Bäckerei stellte 1939 1,14 Millionen Kommissbrote her, die
Fleischerei verarbeitete 1570 Schweine, 540 Rinder und 300 Kälber.

Plantage

Als Obersturmbannführer Martin Weiß für seine
junge Verlobte Lisa Ostern 1943 zur Hochzeit einen Brautstrauß aus Gladiolen
binden ließ, musste der damalige Kommandant des Konzentrationslagers Dachau ihn
nicht aus einem Blumenladen holen. Gladiolen wuchsen zu zehntausenden gleich
neben dem KZ auf der „Plantage“. Und Obergruppenführer Oswald Pohl, Chef des
SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, schleppte von den riesigen
Anbauflächen körbeweise Honig und „Deutschen“ Pfeffer zum Privatgebrauch in
seine Berliner Wohnung. Im Zuge der deutschen Bestrebungen, sich durch Anbau
von Heil- und Gewürzkräutern unabhängig von ausländischen Medikamenten und Gewürzen
zu machen, wurde der Gartenbaubetrieb zur Erzeugung von Heilkräutern und
Gewürzen 1937 eingerichtet. Sein Gelände, 
das heutige Gewerbegebiet „Schwarzer Graben“, war mit zwei
Quadratkilometern so groß wie der gesamte heutige Stadtteil Dachau Ost. Drei
Jahre zuvor war in Heidelberg die Arbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde
gegründet worden, die sich für eine stärkere Eigenversorgung Deutschlands
einsetzte. Wie andere führende Nationalsozialisten hatte Heinrich Himmler
eigene Vorstellungen von „naturgemäßer Heil- und Lebensweise“. Der
Diplomlandwirt drängte schon kurz nach der „M
achtergreifung“ darauf, dass Deutsche ihren
Lebensmittelkonsum allmählich auf eine Verpflegung ähnlich der römischen
Soldatenverpflegung umstellten, die alle Vitamine enthalte und außerdem billig
sei. Für diesen Zweck wurde auch die Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und
Verpflegung gegründet, die abseits „jüdischer“ wissenschaftlichen Methoden
Modelle entwickeln sollte, wie die deutsche 
Volksgesundheit verbessert werden könnte. Angelehnt an Rudolf Steiners
Anthroposophie wurde eine nationalsozialistische Variante des
organisch-dynamischen Landbaus praktiziert. Das erfüllte nebenbei den Zweck,
diese Strömungen politisch für das Regime zu gewinnen. Die der Arbeitsgemeinschaft
angehörenden Autoren  des Buchs
„Allgemeine Heil
pflanzenkunde“ setzten sich offen für den
Einsatz von „unfreiwilligen Arbeitskräften“ 
beim Anbau von Heilpflanzen ein. Die arbeitsintensive Aufzucht dieser
Pflanzen wäre ohne den Einsatz der billigen Arbeitskraft von Häftlingen bei
normalen Löhnen völlig unrentabel gewesen.

Die
ersten Anbauflächen lagen nicht in der Nähe des Lagers, weil sich der dortige
sumpfige Boden als ungeeignet erwies. Man wich in den Nachbarort Schleißheim
aus. Auch nach der Trockenlegung des Dachauer Geländes durch lange Gräben, die
Häftlinge hatten ausheben müssen, war der Boden unzureichend für die meisten
Arten landwirtschaftlicher Nutzung. Deshalb wurden die für den Kräuteranbau
vorgesehenen Flächen jenseits der heutigen Alten Römerstraße mühsam weiter
kultiviert, Tümpel zugeschüttet und eine Humusschicht auf dem Moorboden
aufgetragen. Im nächsten Frühjahr war das Gelände so weit, dass der Anbau von
Heilpflanzen beginnen konnte. Baulich entstanden
die Gewürzmühle, Verwaltungs- und
Wirtschaftsgebäude und Gewächshäuser. Unter den Häftlingen, die dort arbeiten
mussten, waren
viele hundert Insassen des
Priesterblocks. Viele von ihnen gingen unter der brutalen Behandlung durch die
SS-Angehörigen zugrunde. Ein zweiter Schwerpunkt des Anbaus war die Herstellung
von Gewürzen.  Dazu gehörte in erster
Linie das von einem Fachmann der Arbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde
entwickelte „Prittlbacher Gewürz mit Pfeffergeschmack“, das auch „Deutscher
Pfeffer“ genannt wurde. Außerdem  gab es
eine von einem SS-Arzt geleitete Forschungsabteilung, die die Einwirkung von
Pflanzengiften auf  Wachstum und
Fruchtergiebigkeit der Pflanzen untersuchte.
 Daniella Seidl, wissenschaftliche
Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Volkskunde/Europäische Ethnologie der
Ludwig-Maximilians-Universität München, hat die Geschichte der „Plantage“
wissenschaftlich untersucht. Der „Kräutergarten“ war demnach Kernstück und
Vorzeigebetrieb der Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung.
Vor allem in den ersten Jahren war die Arbeit auf der Plantage durch schwere
körperlich Belastung durch Arbeit auch im Regen, unzureichende Kleidung,
schlechte Verpflegung, willkürliche Schikanen und mörderische Brutalität der
Bewacher, ein Todeskommando.  Wenn abends
die Häftlingskolonnen zurück ins Lager zogen, wurden hinter den entkräfteten,
taumelnden Gestalten immer zehn oder mehr Schubkarren mit Toten und Sterbenden
geschoben, wie sich der tschechische Historiker und einstige  Häftling Stanislav Zamecnik nach dem Krieg
erinnerte. Zwischen 1939 und 1945 
starben auf der Plantage mehr als 800 Häftlinge. Der junge Priester
Hermann Scheipers war einer von denen, die auf der Plantage arbeiten mussten.
Der Lagerkommandant begrüßte ihn und die mit ihm eingelieferten neuen Insassen
mit den Worten „Ihr seid ehrlos, wehrlos und rechtlos. Ihr habt hier zu
arbeiten oder zu verrecken!“ 
Zusammen mit den meisten anderen Häftlingen des Priesterblocks kam
Scheipers in das Plantagenkommando. Wer dort nicht „spurte“, wurde
ausgepeitscht, an den Armen aufgehängt oder bei nacktem Oberkörper mit
eiskaltem Wasser übergossen. Durch bewusst geringe Essensrationen wurden die
Gefangenen gezielt ausgehungert. Den eingesetzten Geistlichen wurde im Jahr 1942
gezielt die sorgenannte Brotzeit vorenthalten, die andere arbeitende Häftlinge
erhielten. Die meisten der im KZ Dachau verstorbenen Geistlichen starben an den
Folgen dieser Behandlung im Jahr 1942. Die Mehrheit der seliggesprochenen
Geistlichen verstarben 1942. An den ständigen, nagenden Hunger erinnerte sich
Hermann Scheipers, der 2016 kurz vor seinem 103. Geburtstag starb, auch im
hohen Alter noch mit Grausen: „Wenn es um ein Stück Brot ging, wurden selbst
Häftlinge, die aus gutem Hause stammten, zu Raubtieren.“ Diesen
rücksichtslosen Überlebenskampf zu beobachten, sei für ihn das Schlimmste
während der Lagerzeit gewesen.

Der
Kräutergarten war auch in den Vernichtungskrieg im Osten eingebunden. Die in
Dachau angebauten Gladiolen, Ringelblumen und Primeln wurden pulverisiert und
zu Vitamin C verarbeitet, das in Päckchen an die Ostfront geschickt wurde.
Die Nationalsozialisten sahen die mangelnde
Versorgung deutscher Soldaten als einen der Gründe für die Niederlage im Ersten
Weltkrieg
an. Bessere Ernährung sollte die Kampfkraft erhöhen.

Der
Verkaufsladen auf der Rückseite des Verwaltungsgebäudes bot den Häftlingen
aber auch eine Möglichkeit, mit der Außenwelt in
Kontakt zu treten. Menschen aus der Umgebung des Lagers konnten dort Gemüse
, Blumen und Samen einkaufen. Einzelne Dachauer steckten den
Gefangenen, deren Elend sie im Laden sehen konnten, heimlich Lebensmittel zu
und schmuggelten für sie Briefe nach draußen. Maria Seidenberger aus
Hebertshausen half dem tschechischen Häftling Karel Kasak dabei,
Briefe nach Prag zu senden. Kasak hatte in einem
geheimen Tagebuch von April und Mai 1941 notiert, dass SS-Posten täglich
Häftlinge erschossen. Maria Seidenberger wurde 2005 von der Stadt Dachau mit
dem Zivilcourage-Preis geehrt. Ab April 1942 wurden auf Anordnung von Heinrich
Himmler vor allem Häftlinge aus dem Priesterblock zur Arbeit auf der Plantage
eingeteilt. Sie nutzten den Verkaufsladen, um Medikamente, Messwein und Hostien
ins Lager zu schmuggeln. In den Sommermonaten 1942 arbeiteten ungefähr 1500
Insassen auf der Plantage. Die SS erhielt vom Betriebsleiter der Einrichtung
pro Kopf eine Vergütung von 30 Pfennigen am Tag. Homöopatische Medikamente, die
auf der Plantage gewonnen wurden, wurden übrigens auch wenige hundert Meter
entfernt im Konzentrationslager  bei
Versuchen mit Gefangenen, die an Tuberkulose erkrankt waren, verabreicht. Auch
skurrile Versuche fanden auf der Plantage statt. Im Herbst 1943 gab es einen
Lehrgang für Wünschelroutengänger, die den SS-Wehrgeologeneinheiten zugeordnet
werden sollten.  Deren Aufgaben waren
unter anderem die Suche und Überprüfung von Trinkwasser in den besetzten
Gebieten, Bodenforschung vor dem Erstellen von militärischen Anlagen und der
Bau von Bunkern. Bei einer Division der Waffen-SS in Belgrad sollen mehrere
Routengänger stationiert gewesen sein, um Wasser, aber auch unterirdische
Gänge, versteckte Bunker und Goldvorkommen aufzuspüren.

Offiziell
zählten die erwirtschafteten Werte des SS-Wirtschaftssystems zum deutschen
Staatsbesitz. In Wirklichkeit nutzten sie der SS, indem sie ihre Abhängigkeit
von der SA und vom Reichsinnenministerium verringerten. Genau zu diesem Zweck
wurden zahlreiche Unternehmen auch gegründet. Dem finanziellen Wohlergehen der
SS diente
aber auch die Vermietung von Arbeitssklaven an
Privatfi
rmen. Von den rund 700 000 Häftlingen in deutschen
Konzentrationslagern arbeiteten in den Jahren 1944/45 mehr als 400 000 in der
Kriegswirtschaft  bei Privatfirmen. Nähe
zu solchen Arbeitsplätzen war der Grund dafür, dass schließlich ein Netz von
über 1000 KZ-Außenlagern existierte. Dort wie in den Unternehmen der SS selbst
wurden die Häftlinge vor allem für besonders grobe, anstrengende, gefährliche
und gesundheitsschädliche Tätigkeiten eingesetzt. Die Verwendung von durch
menschenunwürdige Behandlung kaum mehr leistungsfähigen Gefangenen war
allerdings einer der Punkte, in denen die nationalsozialistische Ideologie
ihren eigenen Zielen schadete. Zehntausende Menschen, die eigentlich dringend
als Arbeitskräfte gebraucht worden wären, 
wurden aus ideologischen  Motiven
zugrunde gerichtet. Ein immenses und aufwendiges Überwachungssystem war
außerdem nötig, um zu verhindern, dass die 
Arbeitssklaven durch Sabotage der Produktion schadeten. Der Terror der
„Vernichtung durch Arbeit“ war wichtiger als Produktivität. Nur wenige
Ausnahmen sind bekannt. So führten die SS-eigenen Deutschen Erd- und
Steinwerke, die unter anderem Material für „Führerbauten“ lieferten,  1940/41 gegen große Widerstände
„Vergünstigungen“ für einige Häftlinge ein. Heinrich Himmler ordnete allerdings
an, dass selbst gefangene Facharbeiter nur im Notfall zusätzliche Verpflegung
oder bessere Kleidung erhalten durften. Sie sollten möglichst  nur durch ein geringeres Ausmaß an
Misshandlungen „bessergestellt“ werden.

Nur
wenige SS-Unternehmen arbeiteten mit Gewinn. Das lag auch daran, dass oft ohne
viel Sachverstand ans Werk gegangen wurde. Heinrich Himmler nutzte seine
Machtbefugnisse auch dazu, unliebsame Konkurrenz außerhalb der SS auszuschalten
und seinen Günstlingen zusätzliche Einnahmequellen zuzuschanzen. So änderte er
für den Chef der Anton Loibl GmbH eigens die deutsche Straßenverkehrsordnung
und schrieb die Vorschrift hinein, dass alle Fahrrad-Pedale reflektierende
Rückstrahler haben mussten. Das beschaffte dem Patentinhaber Loibl
beträchtliche Lizenzeinnahmen. Kaum ein Radfahrer ahnt, dass er heute noch
wegen dieser SS-typischen Vetternwirtschaft mit Tretstrahlern unterwegs ist.

Zusammenfassend
lässt sich sagen, dass die SS-Wirtschaft als Modell für eine veränderte soziale
und wirtschaftliche Ordnung für das gesamte Großdeutsche Reich nach dem
„Endsieg“ gedacht war. Die Methode, mit der die angebliche Herrenrasse  ihren Wohlstand sichern wollte, bestand in
erster Linie aus der brutalen Ausbeutung angeblich minderwertiger Menschen und
dem groß angelegten Raub fremden Eigentums aus besetzten Gebieten.

Literaturverzeichnis:

d´Alquen,
Gunter (verantwortlich):
SS erschließt Neuland – Wo in Deutschland
der Pfeffer wächst. In: Das schwarze Korps, Franz Eher Nachf. Verlag, München,
22.9.1938.

Ecker,
Fritz:
Die
Hölle in Dachau. In: Konzentrationslager. Ein Appell an das Gewissen der Welt. Ein Buch der Greuel. Die Opfer klagen an. Dachau,
Brandenburg, Papenburg, Königstein, Lichtenburg, Colditz, Sachsenburg,
Moringen, Hohnstein, Reichenbach, Sonnenburg. Verlagsanstalt
Graphia, Karlsbad, 1934

Frank,
August und Lörner, Georg:
Geschäftsbericht der Gesellschaft für
Textil- und Lederverwertung 1940/41, Dachau, Dokumente des Nürnberger
Prozesses, NO-1211, Bundesarchiv Berlin.

Frank,
August und Lörner, Georg:
Geschäftsbericht der Gesellschaft für
Textil- und Lederverwertung 1941/42, Dachau, Dokumente des Nürnberger
Prozesses, NS-3134 , Bundesarchiv Berlin

Jacobeit,
Sigrid:

Forschungsschwerpunkt Ravensbrück. Edition Hentrich Druck und Verlag, Berlin,
1997

Georg,
Enno:
Die
wirtschaftlichen Unternehmungen der SS. Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte, Band 7, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1963

Heflik,
Roman:

Mann Gottes in der Hölle auf Erden.  Der
Spiegel 17/2005, Spiegel Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co KG, Hamburg

Herbert,
Ulrich:

Arbeit und Vernichtung: Ökonomisches Interesse und Primat der „Weltanschauung“
im Nationalsozialismus. In: Diner, Dan (Hrsgb.): Ist der Nationalsozialismus
Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt a.M., 1987

Kaienburg,
Hermann:

Die Wirtschaft der SS. Metropol Verlag, Berlin, 2003

Kimmel,
Günther:
Das
Konzentrationslager Dachau. In: Brosrat, Martin und Fröhlich, Elke (Hrsgb.):
Bayern in der NS-Zeit. Band II, München, 1979.

Naasner,
Walter (Hrsg.):

SS-Wirtschaft und SS-Verwaltung – „Das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt und
die unter seiner Dienstaufsicht stehenden wirtschaftlichen Unternehmungen“ und
weitere Dokumente. Schriften des Bundesarchivs, Band 45a, Droste Verlag,
Düsseldorf, 1998

Nenninger,
Alfredine:

Wie ich verhaftet wurde. Erlebnisse im Konzentrationslager Ravensbrück und bei
den Wirtschaftsbetrieben der Waffen-SS. Bericht vom 21.6. 1945. Archiv der
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Pingel,
Falk:

Häftlinge unter SS-Herrschaft. Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im
Konzentrationslager. Hoffmann und Campe, Hamburg, 1978

Pohl,
Oswald (verantwortlich)
:
Geschäftsbericht der Wirtschaftlichen Betriebe der SS Dachau für das
Wirtschaftsjahr 1939, Bundesarchiv Berlin, NS 3 – 1049a

Richardi,
Hans-Günter:

Die Schule der Gewalt. Die Anfänge des Konzentrationslagers Dachau 1933 – 1934.
Ein dokumentarischer Bericht, Piper-Verlag, 
München, 1983

Schiegl,
Gregor:

Biogemüse im Zeichen des Hakenkreuzes. Süddeutsche Zeitung, Süddeutscher
Verlag, München, 2015

 Schulte, Jan Erik: Zwangsarbeit und
Vernichtung: Das Wirtschaftsimperium der SS. Oswald Pohl und das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt
1933–1945. Schöningh, Paderborn, 2001

Seidl,
Daniella:

„Zwischen Himmel und Hölle“. Forschung zu Arbeitsbedingungen und
Überlebensstrategien im Kommando „Plantage“ des KZ Dachau. Lehrstuhl für
Volkskunde/Europäische Ethnologie, Ludwig- Maximilians-Universität München,
2008

Sigel,
Robert:

Heilkräuterkulturen im KZ. Die Plantage in Dachau, in: Dachauer Hefte, Verlag
Dachauer Hefte,
Comité International de Dachau , Heft 4/1988.

Strebel,
Bernhard:

Ravensbrück – das zentrale Frauenkonzentrationslager. In: Herbert, Ulrich
(Hrsgb.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager, Entwicklung und
Struktur, Band I, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 2002

Stumberger,
Rudolf:

Himmlers Bioladen. Jüdische Allgemeine, Mosse Verlag, Berlin, 2012

Wegener,
Georg Gustav
mit
Ernst, Günter und Lucaß, Rudolf: Allgemeine Heilpflanzenkunde. Grundlagen einer
rationellen Gewinnung, Verarbeitung, Anwendung und Erforschung der Heil‐ und
Gewürzpflanzen. Wilhelm Heyne Verlag, Dresden, 1938

Zeller,
Helmut:

Der vergessene Garten. Süddeutsche Zeitung, Süddeutscher Verlag, München, 2014

© 2012 - 2014 Freundeskreis Selige aus dem KZ Dachau - Impressum